Weder Kultursensibilität noch Leitkultur

Über aufgeklärte Verhältnisse.

Wenn Flüchtlinge feiern, ist das Buffet ansprechend gedeckt mit ausländischen Spezialitäten. So schön das ist, wäre es nicht spannender, jede Köchin hätte die Aufgabe bekommen, etwas Deutsches zuzubereiten? Dann zeigte sich, wie fremde und heimische Kochweisen einander beeinflussen: eine neue deutsche Ess-Kultur. Jetzt wird gegessen, was bekannt ist. So bekannt wie die Klagen der Sozialpädagoginnen (viele mit Migrationshintergrund), die Deutschen seien nicht offen genug, sie machten es den Flüchtlingen schwer. Die Bürokratie sei eine Zumutung. Es sei doch nicht nötig, immer so preußisch pünktlich zu sein. Sie fordern Nachsicht mit den Migranten, mit einen Wort: Kultursensibilität.

 

Kultursensibilität betont kulturelle Unterschiede. Sie sieht zuerst die Herkunft, dann das Individuum. Könnte es sein, dass sie auf diese Weise Stereotypen und Vorurteile verallgemeinert? Ein junger Afrikaner ärgert sich, weil ihm unterstellt wird, er sei immer locker drauf und ließe gern mal fünfe gerade sein. Nein, sagt er, er will ernstgenommen werden. Schlau wie er ist, liest er morgens auf dem Weg zu seiner Lehrstelle in der S-Bahn demonstrativ den Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Erfreut nimmt er irritiere Fahrgäste wahr. Ein Schwarzer eignet sich deutsche Kultur an. Das soll ihm ein deutscher Lehrling mal nachmachen.

 

Häufig höre ich auch die Klage über zu wenig Menschen mit Migrationshintergrund in leitenden Positionen. Eine Folge des Rassismus, sagt man. Ich halte das für kurzschlüssig. Deutschland hat eine feste Sozialstruktur, die sich nur langsam öffnet. Als ich 1966 aufs Gymnasium ging, hatten wir ein Arbeiterkind in der Klasse. Seine Mutter musste sich die herablassende Frage gefallen lassen, was ihr Mann als „Ofenarbeiter“ mache. In den 70er Jahren wurde in Bildung investiert. Die Zahl der Abiturienten stieg. Heute ist das Abitur kein exklusiver Schulabschluss. Die Kinder der Gastarbeiter hatten es trotzdem noch schwerer als die deutschen Arbeiterkinder, weil sie sprachlich und im Sozialverhalten (der bürgerlichen Kultur) noch unsicherer waren. Oft waren ihre Eltern Analphabeten in ihrer Heimatsprache. Rechnet man diese Hürden mit, ist die Anzahl der Menschen mit Migrationshintergrund in führenden Positionen erstaunlich hoch.

 

Bevor man von Rassismus redet, sollte man über Qualifikation sprechen. In der Fernsehredaktion, für die ich bis 2007 arbeitete, traf ich immer wieder auf türkische Kollegen. Gute Journalisten, allerdings schwach im Deutschen. Viele Kamerateams hatten Schwierigkeiten, weil sie sich nicht verständlich machen konnten. Wenn der Redakteur ihre Recherche schätzte, half er beim Texten. Objektiv gesehen, beherrscht so jemand seine Arbeit nicht. Ich treffe auf Arzthelferinnen, Taxifahrer, Verkäufer, mit denen kein Fachgespräch möglich ist.

 

Inzwischen organisieren sich Journalisten mit Migrationshintergrund. Das ist verständlich, aber nicht immer nachvollziehbar. Wenn sie behaupten, Journalisten mit dem jeweiligen kulturellen Hintergrund könnten besser über „multikulturelle“ Themen berichten, verstehen sie etwas falsch. Journalisten müssen sich in ihr Fachgebiet einarbeiten. Wer über Moscheen berichtet, sollte z. B. türkisch sprechen (zur Not reicht ein guter Dolmetscher), aber er muss kein Türke sein. Er muss mehr wissen, als er von zu Hause mitbringt. Die da Quoten fordern, würden sich zu Recht beschweren, würden sie nur mit Migrationsthemen beauftragt.

 

Als ich kürzlich eine Veranstaltung plante, kam der Vorschlag, gezielt unter Studierenden der Fachhochschulen für Soziale Arbeit für die Teilnahme zu werben. Eine Kollegin, Sozialpädagogin, riet davon ab: Das Niveau sei durch den hohen Anteil an Studierenden mit Migrationshintergrund zu stark gesunken. Ob das stimmt, ist hier nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es keinen Widerspruch gab und dass es niemandem einfiel zu sagen: Wenn das stimmt, was läuft da schief?

 

Schief läuft, dass die Anforderungen sinken, weil man glaubt, Migranten entgegen kommen zu müssen. So glauben viele, Geflüchtete könnten gut in der Altenpflege arbeiten. Und schon sinken die Normen, die erfüllt werden müssen. Wer möchte Menschen, die arbeiten wollen, Knüppel zwischen die Beine werfen?

 

„Mutti gut", erklärte mir die Altenpflegerin, wenn sie meine Mutter, die ihre letzten Wochen in einem Pflegeheim verlebte, versorgt hatte. Die Pflegerin kam von den Philippinen, eine Konversation mit meiner Mutter überforderte sie. „Ich habe Ihre Mutter gewaschen und eingecremt. Sie sollte bald umgelagert werden. Gerade hat sie auch einen Viertel Becher Wasser getrunken,“ teilte mir ein Altenpfleger mit. Er war übrigens Pole – und professionell. So müsste Pflege sein: menschenwürdig und auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehend, die nicht unbedingt mit seiner kulturellen Herkunft übereinstimmen müssen.

 

Solange nur wenige Flüchtlinge das Sprachniveau B2, das im Beruf und im öffentlichen Leben gebraucht wird, erreichen, werden sie kaum Chancen auf eine qualifizierte Arbeit haben. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. 

 

Reicht ein ausländisches Diplom, um in Deutschland zu arbeiten? Ich fürchte, nein. Ein syrischer Arzt, welches Wissen bringt er mit? Welche Vorstellung von Medizin hat er? Medizin ist ja mehr als das nackte Wissen über Funktionen der Organe oder andere Sachfragen. Zur Medizin gehören auch die Psychosomatik, das Wissen um die Eingebundenheit des Menschen in seine Umwelt und andere kulturelle Vorstellungen. In Deutschland wird so getan, als reichten Grundkenntnisse in der Landessprache aus, um in Beruf oder Schule klar zu kommen.

 

Die Deutschen, die sich so viel um Leitkultur sorgen, also darum, dass man sich die Hand gibt oder ein „aufgeklärter Patriot“ sei, haben in der Regel keine Vorstellung ihrer eigenen Kultur. Sie bewundern gerne fremde Kulturen. Wie kommt es, dass Menschen, die den Kölner Dom zu ihrer Tradition zählen, sich vor lauter Bewunderung über indische Tempel nicht mehr einkriegen?

 

Kultursensibilität legt Menschen auf ihre Herkunft fest. Der junge Afrikaner, den ich schon erwähnte, hat nicht mehr den Wunsch, Deutscher zu werden. Negative Erfahrungen zeigten ihm, dass er wegen seiner Hautfarbe nie dazugehören würde. Das ist Rassismus. Dagegen müssen wir angehen. Deutscher kann werden, wer Deutsch spricht. Meine ich. Weil er das kann, interpretierte der junge Mann aus Eritrea  „Wanderers Nachtlied“ von Johann Wolfgang Goethe mit seiner Fluchterfahrung. Er gab diesem Werk deutscher Kultur einen neuen Inhalt. Die Einwanderer werden nach und nach die deutsche Kultur beeinflussen. Das ist gut so. Dafür müssen sie mit deutscher Kultur konfrontiert werden. Das ist die Aufgabe der Deutschen. Sie müssen wissen, was ihnen wichtig ist. Und müssen es vertreten. Dann entsteht etwas Neues. Ich bin fest davon überzeugt: Kultur ist, was man ändern kann. Und das halte ich für eine gute Nachricht. Und Goethes Gedicht bleibt ein gutes Stück deutscher Kultur, gleich wie man es interpretiert.

 

Lehrer, Gefängniswärterinnen, Polizisten mit Migrationshintergrund werden gesucht. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wenn damit die Auffassung verbunden ist, diese Menschen könnten sich den Migranten gegenüber besser behaupten oder besser auf deren Bedürfnisse eingehen, wird es gefährlich. Einer Lehrerin gebührt Respekt, das haben auch muslimische Gläubige anzuerkennen. Mutmaßliche Täter müssen es hinnehmen, von einer Polizistin verhört zu werden. Ob das in ihrer Kultur so üblich ist oder nicht. Wir sind in Deutschland. Da ist das so. Ein Migrationshintergrund ist keine Qualifikation.

 

Die Aufklärung, auf der unsere Werte beruhen, betont die Gleichheit der Menschen. Gleiches Recht, gleiche Chancen für alle. Dazu gibt es keine Alternative. Wo keine Gleichheit herrscht, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden. Dieser Ungerechtigkeit mit Quoten begegnen zu wollen, führt nicht weit. In Indien hat keine Kaste so gute Chancen zu studieren wie die Unberührbaren. Sie steigen sogar auf (nicht nur leistungsbedingt). Aber sie bleiben Parias, weil die Gesellschaft verknöchert ist. Quoten ändern das nicht.

 

Und noch etwas ist wichtig. Ich erinnere mich gern an staunende Kollegen beim Sender, die einen türkischen Kollegen fragten, als er ein Schweinekotelett aß: „Darfst du das?“ Warum sollte ein Mann, nur weil sein Vater Muslim ist, kein Schweinefleisch essen dürfen? Aufgeklärte Gesellschaften erlauben ihren Mitgliedern Individualität. Der deutsche Dichter Heinrich Heine, der kein Jude sein wollte, konnte konvertieren. Für seine Feinde blieb er der verachtete Jude. Aber er konnte sich auf seine liberalen Mitbürger verlassen. Der Dresdner Professor Viktor Klemperer empfand sich als protestantischer Christ. Damit war er einer. Für die Nationalsozialisten blieb er ein Jude. Parasiten am Volksköper, wie sie sagten. Die meisten nichtjüdischen Deutschen begreifen immer noch nicht, dass ihre Vorfahren Deutsche verjagten und ermordeten, als sie die 500.000 deutschen Juden ausgrenzten, um sie zu vernichten. Deutsche wie du und ich.