Ach, Johannes (Kahrs)

Über die sozialdemokratische Seele.
Text vom 31. Mai 2017

Auf dem Tisch vor dem Versammlungsraum liegen graubraune Stoffbeutel mit dem Bundesadler. „Nehmen Sie sich einen, die sind vom Bundestag“, fordert mich die junge Frau auf, die hier die Aufsicht führt. Ich überlege noch, greife dann zu. „Traumschön“, lobt sie mich. Das Wort kenne ich nicht. „Johannes sagt das immer." Sozialdemokratin sei sie schon mit 14 gewesen, erklärt sie stolz. Lange kann das noch nicht her sein. Und wirklich: sie ist 15. Sie gehört zu den Jüngern von Johannes Kahrs. Der SPD-Bundestagsabgeordnete für den Bezirk Hamburg Mitte sei so engagiert. Er rede so gut, habe eine lebendige Gestik, höre ich die jungen Leute schwärmen, die in das Stadtteilzentrum Barmbeker Basch gekommen sind: „Guck mal, wie begeistert er ist.“

 

Auf dem Podium sitzen Akademiker, alle mit Migrationshintergrund. Auch im Publikum sitzen junge Migranten, exakt frisiert und gut gekleidet. Integration ist das Thema des Abends. Hier treffen sich Aufsteiger.

 

Freundlicher Beifall für Dr. Djaved. Der Iraner floh vor 60 Jahren aus Persien, studierte in Deutschland, ging in sein Land zurück, bis ihn die Ayatollahs 1980 wieder aus dem Land jagten. Er spricht über Annäherung durch Kulturaustausch. Vor 60 Jahren hätte seine These provoziert. Jetzt provoziert seine Naivität.

 

Johannes Kahrs stört das nicht. Man habe höflich sein wollen. Eine nette Geste. Ich habe für solche privaten Gesten in öffentlichen Veranstaltungen kein Verständnis. Und anders als der Abgeordnete sehe ich die deutsche Gesellschaft unter Handlungsdruck. Davon war an diesem Abend keine Rede mehr. Man diskutierte über Ehrenamt und den guten Willen zur Integration.

 

Es ging darum, sich wohl zu fühlen, wurde mir klar, als ich zunehmend unruhig den Vortrag hörte. Die Botschaft der Veranstaltung richtete sich nach innen, nicht nach außen: Wir gehören zum Establishment. Das betätigten sie sich an diesem Abend. Als ich vorzeitig ging, dachte ich an einen Kalenderspruch.

 

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen dass sich etwas ändert." Albert Einsteins Satz beschreibt die sozialdemokratische Seele so gut wie die Definition von Kurt Tucholsky aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts „Hier können Familien Kaffee kochen“ – einfach traumschön.