Das bezahlt Deutschland

Über die Mühen einer erfolgreichen Integration. Text vom 30, Mai 2017

Vor mir steht M., ein schlanker, hoch aufgeschossener junger Mann mit feinen Gesichtszügen. Vor zwei Jahren floh er aus Eritrea nach Europa. Er kann das schon gut auf Deutsch erzählen. So kalt habe er sich Deutschland nicht vorgestellt. In seiner Heimat scheine immer die Sonne. Bei der Ankunft in Italien habe er am Strand schlafen können. Das muss er in Hamburg nicht. M. teilt sich mit zwei anderen Flüchtlingen eine betreute Jugendwohnung.

 

Jeden Morgen stehe er um vier Uhr auf, erzählt er, um in die überbetriebliche Ausbildungsstätte – getragen von großen Hamburger Unternehmen – zu fahren. Er lernt dort den Umgang mit Metall, ein Praktikum. M. gehe in die 10. Klasse. Mit dem Lesen hapere es noch, auch das Schreiben falle M. schwer, erzählt sein Sozialpädagoge.

 

Wir reden ein wenig über seine Pläne. Was passiert, wenn er keine Arbeit findet? Dann müsse er Unterstützung beantragen, erklärt sein Sozialpädagoge: „Das bezahlt Deutschland“. Da haben wir doch gleich einen schönen Titel für unser Tagebuch.

 

Ob er etwas von mir wissen wolle, fragte ich M. Ja, was wir mit all den Büchern machten, die in unserer Wohnung stehen. M.s Eltern bauen Gemüse an, Tomaten und Zwiebeln, erzählt er. Seine Schule sei kilometerweit vom Dorf entfernt gewesen. Der Unterricht, den er schildert, erinnert mich an die Dorfschule, die ich in Indien besuchte. Der Lehrer sprach Sätze vor, die Kinder wiederholten sie im Chor. Bücher gab es nicht, nicht einmal Fotokopien wie in deutschen Schulen. Aber er hat gelernt, seine Sprache, Tigrinya, zu schreiben.

 

Die Alternative: Kleinreden oder Aufbauschen?

 

Schon lange denke ich, dass wir uns mitten in einem gesellschaftlichen Experiment befinden, für das uns noch Sensoren und Begriffe fehlen. Wie viele Menschen Asyl suchen, ist umstritten. Wer es scheinbar gut mit den Flüchtlingen meint, rechnet die Zahl herunter, auf 890.000. Wer die Lage kritisch sieht, spricht von zwei Millionen und mehr. So oder so: eine Herausforderung für das Sozialsystem und die Schulen.

 

M. erhofft sich eine Chance, für die er die Trennung von seiner Familie auf sich genommen hat. „Deutschland“ (nennen wir es der Einfachheit halber so) hat ihn aufgenommen, bietet subsidiären Schutz. Und damit – theoretisch – die Basis, in der westlichen Gesellschaft zu bestehen. Aber ist das auch praktisch so?

 

Jedenfalls ist es ein Riesensprung für einen afrikanischen Dorfjungen.  Für jemanden, der erst zwei Jahre lang Deutsch lernt, sind seine Kenntnisse erstaunlich. Für jemanden, der für den Sommer einen Ausbildungsplatz sucht, ist sein Wissen katastrophal.

 

So aufgeweckt M. ist, wie soll er mit seinen Deutschkenntnissen auf dem Anfängerniveau A2 in der Schule zurechtkommen? Im Politikunterricht waren die Grundrechte Thema. Behalten hat er, dass Männer Männer und Frauen Frauen heiraten dürfen.

 

M. war in seiner Heimat sechs Jahre in der Schule. Er muss zum Beispiel lernen, was „Natur“ bedeutet. Er lernt erst bei mir, dass auf der anderen Seite des Atlantiks Amerika liegt. Er weiß, dass Afrikaner nach Europa kommen, hat aber noch nie gehört, dass Europäer Afrikaner gefangen und in den USA als Sklaven verkauften. Schwere Worte wie „ursprünglich“ oder "Glasbehältnis" (so was steht in seinen Kopien) kennt er sowieso nicht. Er soll eine Zeichnung erklären,  auf der zu sehen ist, wie drei Männer ihr Floß zersägen und verfeuern. Ein Bild für die Zerstörung der Erde durch unsere Wirtschaftsweise. Was „Geheimnisdienste“ seien, fragt M. Im Unterricht ging es um irgendeinen Trump-Skandal. Im Unterricht wird über Politik diskutiert. Was soll das?

 

Er spielt im Verein Floorball. Ich habe nie etwas von dieser Sportart gehört. Sport ist in unserer Gesellschaft nur noch Fußball. M. mag keinen Fußball. In diesem Verein fühlt er sich wohl. Er macht problemlos mit. Weil er die Trainingsanweisungen nicht versteht, guckt er sich die Bewegungen ab. Das wirkt ungelenk, aber er hat sichtlich Spaß.

 

Ich frage einen der jungen Leute nach den Regeln des Spiels und danach, was ein Schläger kostet. Die Bundesligaspieler des Vereins, erfahre ich, verkaufen einmal im Jahr ihren Schläger. Er will sich erkundigen. Tags drauf ruft mich ein Bundesligaspieler an und bietet seinen Schläger für fünf Euro an. Abends kommt M., einen Schläger über der Schulter. Gekauft für 30 Euro. Auch günstig, trotzdem schade. Der Sozialpädagoge will einen Antrag auf Kostenübernahme stellen. Ich verstehe das nicht. M. hat gespart, es ist seine Verantwortung, wofür er Geld ausgibt.

 

Deutsche Leidkultur

 

Welches Wissen hat ein Flüchtling im Gepäck? Welche Vorstellung von Medizin hat zum Beispiel der syrische Arzt? Die Deutschen, die sich so viel um Leitkultur sorgen, also darum, dass man sich die Hand gibt oder ein „aufgeklärter Patriot“ sei, bewundern gerne fremde Kulturen. Und sind dem Fremden gegenüber bereit, so zu tun, als hätten sie gar keine eigene.

 

Medizin ist ja mehr als das nackte Wissen über Funktionen der Organe oder andere Sachfragen. Zur Medizin gehören auch die Psychosomatik, das Wissen um die Eingebundenheit des Menschen in seine Umwelt und andere kulturelle Vorstellungen. In Deutschland wird so getan, als reichten Grundkenntnisse in der Landessprache aus, um im Beruf oder in der Schule klar zu kommen.

 

M. lernt schnell. Was ihm fehlt, ist ein Koordinatensystem. Ich ahne, diese Lücke füllen die Religiösen. In seinem Heimatdorf habe Religion keine Rolle gesielt, erzählt er. Sie war Privatangelegenheit. Im aufgeklärten Westen muss M. sich gegenüber den militant auftretenden Muslimen in seiner Klasse rechtfertigen. M. liest in der Bibel, fängt an, sich offen als Christ zu positionieren: klare religiöse Haltungen (nicht zu verwechseln mit Kenntnissen) sind offenbar unter den jungen Leuten gefordert.

 

Im Unterricht verteilen die Lehrer die üblichen Kopien, Ausschnitte aus Büchern oder Zeitschriften ohne jede didaktische Bearbeitung. Dabei ist heute gut aufbereitetes Material zu jedem Thema im Internet verfügbar. M. soll eine „Präsentation“ über eine Drehmaschine liefern. Er hat im Praktikum eine gesehen und Fotos gemacht.  Er weiß sich zu helfen, aber es fehlt Unterstützung. Der Lehrer muss doch wissen, dass die Basis für eine solche Aufgabe fehlt. Andererseits: wo soll er ansetzen?
 
Das Scheitern ist programmiert

 

Anne T. unterrichtet eine Flüchtlingsklasse. Ein Drittel, meint sie, habe gute Chancen, eine Perspektive zu finden, ein Drittel falle durch den Rost: vor allem junge Männer. Afghanen bekommen nur einen dreimonatigen Deutschkurs. Wer denkt sich so etwas aus? Hamburg hat entschieden, dass die jungen Flüchtlinge in die Berufsschule eingeschult werden. In Bremen werden sie mit Deutschen gemeinsam beschult. Die Ergebnisse sollen besser sein. Aber wie sollten die durch Inklusion schon belasteten Stadtteilschulen diese Aufgabe schultern? Anne T. berichtet auch von überlasteten Lehrern, die nicht auf Alphabetisierung eingestellt seien.

 

Viele drohten bereits zu scheitern. Junge Eritreer träfen sich in der Nähe des Berliner Tors in Hamburg, tränken Alkohol und zögen durch St. Georg. Sie erzählt von Begegnungen mit einzelnen Menschen, bewegende Geschichten. Zum Schluss die Frage: Schaffen wir das? Sie glaubt, 800.000 Menschen müssten doch zu integrieren sein. Aber sind 2015 und danach nicht viel mehr Menschen gekommen? Und kommen nicht immer noch 300.000 Asylsuchende im Jahr? Die Politiker und die meisten Bürger tun so, als sei die Herausforderung schon geschafft. Dabei sind wir erst am Anfang.

 

M. will Metallbauer werden, weil sein Vater einer ist. Der arbeitete in einer Stadt am Roten Meer. Von dort schickte er seiner Familie Geld. Einmal im Jahr kam er nach Hause. Noch weiß ich wenig über seine Motive. Wie ehrlich kann M. darüber reden? Niemand, der sagen würde: Ich fliehe zu denen, die an der Ungerechtigkeit der Welt verdienen, um etwas abzubekommen, bekäme ein Bleiberecht. Die meisten Deutschen glauben noch, das Flüchtlingsthema werde ich „normalisieren“. Aber was ist normal am Zusammenbruch der Strukturen in vielen Ländern des Nahen Ostens und in Afrika? Wir stehen erst am Anfang grundlegender Wandlungen.

 

M. zeigt mir technische Zeichnungen. Er kann ausrechnen, wie lang die Seiten sind und wie groß Ausschnitte sind. In der Schule berechnen sie Kreise. Er kennt die Formel. Aber was ein Radius ist, kann er nicht erklären. Er weiß, wie viele Millimeter ein Zentimeter hat. Aber es stellt sich heraus, dass er nicht ahnt, wie groß ein Zentimeter ist. Die Zimmerdecke schätzt er auf acht Meter. In der Schule fallen diese Verständnislücken nicht auf, weil Theorie ohne Anschauung vermittelt wird. Wir üben mit dem Zollstock.

Die Politik bedient Vorurteile

Mit M. bei der Holzmaschinenmesse LIGNA in Hannover.  Wir bestaunen vollautomatische Säge- und Fräsmaschinen. Er begreift, wie sie mit Vakuum-Kraft die Holzplatten hochheben. Spürt aber auch die Herausforderung der Technik: Das könnten nur deutsche Leute lernen, er nicht. Ich mache ihm Mut. Er sei schlau und könne noch viel erreichen.

Ob Johannes Kahrs überhaupt etwas lernen will, erfahre ich nicht. Der SPD-Politiker tummelt sich seit neunzehn Jahren im Berliner Politikbetrieb. Ich treffe ihn im „Mutterland“ in St. Georg. Muss nichts Grundsätzliches geschehen, damit die Flüchtlinge integriert werden? Und überhaupt zur Armutsbekämpfung? Der Bundestagsabgeordnete sieht die Probleme durchs Parteienraster. Die CDU habe die Grenzen geöffnet. Jetzt wolle sie davon nichts mehr hören. Aber Ungeduld wegen der Integration sei nicht angebracht.

Es gebe eben Menschen, die sich schnell einordneten und andere, die mehr Zeit brauchten. Immer gebe es auch Betrüger, deshalb müssten die Kontrollen verbessert werden. Wirtschaftsflüchtlinge müssen abgewiesen werden können. Er spult den populistischen Kram ab, der erzählt wird, um AfD-Wähler zurück zu gewinnen, mit dem das Neue der Entwicklung nicht gegriffen werden kann. Geld sei da, alles habe bisher aus der Portokasse bezahlt werden können. Für drei Jahre sei die Finanzierung „fix“, sagt er als Haushaltsexperte.

Ich hatte keine Zustimmung erwartet, aber auch nicht so viel Borniertheit. Gegen die um sich greifende Verarmung (die er so nicht wahrnimmt) will er mit ein paar Regulierungen an der Agenda 2010 vorgehen. Im Prinzip laufe alles bestens. Bei solchen Politikern ist nur eines sicher: das Scheitern (nicht nur) der Integration. Herr Kahrs hat auf alles eine Antwort, aber er scheint keine Fragen zu haben.

Schaffen die das?

E-Mail von M.: „Wir haben gestern vormittag über Schwimmbad gesprochen. Ich habe es versucht Ihnen zu erklären. Ich glaube, Sie haben mich nicht leider verstanden. Ja In Deutschland schwimmt man im /Oder ins Schwimmbad. Man müsste dafür Geld bezahlen. Damit er sich schwimmen kann..... Aber bei uns ist es so. Es gab vielen Menge Fluss überall. Man schwimmt. Wo man will. Man braucht kein Geld dafür bezahlen. Aber das ist sehr gefährlich. Man schwimmt im Fluss. Wenn es von Himmel regnet. dann kommt ein neues Wasser. Bei uns nennt man neues fluss. Der Fluss fliest irgendwo ab. Man merkte sich nicht. dann würde ich sagen. Der Mann ist am arsch. Er kann nicht mehr leben."

Schreibt so ein angehender Auszubildender? Ja. In Deutschland ist das jetzt so. Wer das mit Sorge sieht, kann eine interessante Erfahrung machen. Fast immer muss ich mich gegen den Vorwurf wehren, Flüchtlinge zu diskriminieren. Oder man wirft mir vor, zu übertreiben. Mehr Gelassenheit, fordert SPD-Mann Kahrs. Mehr Förderung sei nicht nötig. M. ist motiviert, er hat eine Bleibeperspektive. Trotzdem ist die Herausforderung, hier auch beruflich Fuß zu fassen, nur zu schaffen, wenn Integration mehr umfasst als eine alberne Leitkulturdebatte. Hier wäre die Chance, für die Folgen des Kolonialismus zu bezahlen. Davon ist Deutschland weiter entfernt denn je. Wegsehen ist Trumpf und ein Ausdruck liberaler Haltung. Ausbaden müssen es die Flüchtlinge und die einheimischen Armen.

 

Heimweh und Schuldgefühle

 

M. fragt, was es mit dem Hitlergruß auf sich hat. Aus seinem Versuch, zu erklären in welchem Zusammenhang die Frage aufgetaucht ist, werde ich nicht schlau. Hitler scheint unter den geflohenen Jugendlichen eine gewisse Faszination auszuüben.

 

Wir machen einen größeren Ausflug in die Geschichte. Er fragt, ob alle Deutschen Hitler gut gefunden hätten. Als er erfährt, dass Gegner ins Lager und ins Gefängnis kamen, manche ins Exil gingen, sagt er: „So wie ich. Ich habe meine Familie allein gelassen.“ M. hat Schuldgefühle und Heimweh. Aber sah keine Alternative. „Ich wäre jetzt Soldat“, sagt er mit Abscheu. Er hat die Flucht auf sich genommen. Auch weil es hieß, in Deutschland könne man lernen.

 

Anschaulich berichtet er von der Einschiffung in Libyen. Die arabischen Schlepper schlugen ihre schwarzen Kunden mit Fäusten und Knüppeln, wenn es nicht schnell genug ging. Auch er habe einen Boxhieb auf die Nase bekommen: „Wir waren wie Kühe.“ Zu fliehen ist in vieler Hinsicht mit Erniedrigung verbunden. Für Schwarze, erklärt M., bringe die Flucht die ersten Erfahrungen mit Rassismus.

 

30. Mai 2017