Politiker und Journalisten am Boden zerstört

Über Medienkompetenz.

mka

Wenn man keine Tagesschau mehr verfolgt und die „Qualitätsmedien“ auch nicht mehr regelmäßig liest, könnte man meinen, die das Leben stünde still. Von mir völlig unbemerkt tobt seit Tagen ein heftiger medialer Streit. Einen Aufruf zur „Zerstörung der CDU“ unterstellen Mitglieder der Regierungspartei dem Youtuber Rezo. Damit beweisen sie, dass sie seinen Beitrag nicht gesehen oder nicht verstanden haben.

 

Wenn Rezo aufzählt, wie die CDU Klimaschutz sabotiert, entgegnet ihm ein CDU-Politiker, er hätte die niedrige Jugendarbeitslosigkeit unterschlagen. Genauso gut könnte man, wenn jemand die Politik im Dritten Reich verbrecherisch nennt, den Hinweis auf die von den Nazis gebauten Autobahnen fordern. Andere bezeichneten die Anklagen als Fake News. Die CDU lernt bei den Populisten.

 

Die Dummheit dieser Politiker ist unerträglich. Sie wird nur von ihrer Arroganz übertroffen. Auch manche Medienmacher stehen dumm da. Sie glauben noch, da übten ein paar Bengel, die davon träumen, es irgendwann mal ins Fernsehen zu schaffen. Der erste Beitrag, der im „heute journal“ auf Rezo reagierte, lieferte Unterstellungen, versteckte Angriffe und unterschlug wesentliche Inhalte. Handwerklich kann es der Macher dieses Nachrichtenfilms nicht mit den Youtubern aufnehmen.

 

Das kann nun jeder, der es wissen will, sehen. Nichts „versendet“ sich mehr. Eine schreckliche Vorstellung. Als ich noch beim Fernsehen war, hoffte ich manchmal darauf. Und es klappte.

 

Rezo hatte auch Waffenlieferungen, die illegale Unterstützung von NATO-Einsätzen und die deutsche Mithilfe bei amerikanischen Tötungsaktionen offengelegt. Auch mit Material von „Jung und naiv“. Mutig, wie der hartnäckige Gast der Bundespressekonferenz, Tilo Jung, immer nachbohrt, bis sich Regierungssprecher so ratlos in ihren Dementi bloßstellen, dass es eine Lust ist, sie beim Lügen leiden zu sehen. Tilo Jung und Rezo glauben noch an die Aufklärung und erwarten eine entsprechende Haltung der Politiker. Sie sehen sich als Anwälte der Demokratie. Das ehrt sie.

 

Ein Stolz-sein-Volkvertreter wie der „älteste 26-Jährige der Welt“ (heute show), Philipp Amthor, besitzt dieses Ethos gar nicht. Die CDU versuchte, den kleinen Mann, der gern ein Großer wäre, als Rezos Gegenpart aufzubauen. Mit seinem Retro-Outfit und jeder seiner einstudierten Gesten verkörpert er die Postdemokratie wie kein zweiter. Solche Politiker trifft der Vorwurf, keine Argumente zu haben, nicht. Sie brauchen keine. Ihre Anhänger und Wähler wollen glauben, nicht wissen. Im Europawahlkampf reichten den Parteien inhaltlose Slogans. Nur die PARTEI klebte Plakate mit politischem Inhalt: „Klimaziele erreichbar machen“.

 

Respekt! Als ich so alt war wie Rezo, habe ich noch mit anderen kritischen Geistern eine „Alternativzeitung“ mit Letraset zusammen geklebt. Damals gab es noch keine Computer. Mir imponiert das Tempo, der gekonnte Umgang mit Kamera und Schnitttechnik. Und die Texte: klasse. Klar, akzentuiert gesprochen, fucking gut. Rezo hat alle Voraussetzungen. Klasse, der Mann. Und die anderen Youtuber, die ich mir angesehen habe, auch: auf diese Leute wäre ich stolz, gehörte ich dazu.

 

Sie können ja ausprobieren, wie lange die Herren des Netzes Kritik zulassen. Die CDU-Führerin dachte gleich an Zensur. Möglich, dass bei radikalen Einsichten der Server abgestellt wird. Wenn es um die Fähigkeit geht, Krieg zu führen, kennen Amthor und seine Vorbilder mit Sicherheit kein Pardon. Inzwischen können auch die Leute von der CDU zufrieden sein. Die etablierten Medien haben die Spur zur bellizistischen Politik nicht aufgenommen. Und was noch besser ist für die Luschen von der CDU: niemand bezweifelt ihren guten Willen.