Brutale Bilder

Offener Brief an Milo Rau

In Bochum sah ich „Orest in Mossul“ von Milo Rau. Auf der Bühne simulierten Schauspieler eine Hinrichtung durch Erdrosseln. Die naturalistische Szene empfand ich als Pornografie. Ich verließ den Saal. Es gab später ähnliche Szenen, hörte ich. Als die Kartenkontrolleure „einen schönen Abend“ gewünscht hatten, spürte ich schon Unbehagen, denn es ging um die Schreckensherrschaft des Islamischen Staates im Irak.

 

Jeder weiß, einen Menschen zu erdrosseln, ist - wenn man so will - harte Arbeit. Grauenhaftes Leid. Der Versuch, es auf der Bühne zu simulieren wirkt auf mich deshalb auch lächerlich. Eine solche Szene dringt nicht zum Kern der Angst vor, die doch jeder Mensch spürt, jemals gefoltert zu werden. Gutes Theater bildet nicht die Realität ab. Es findet eigene Bilder.

 

Nach der Vorstellung aßen wir in angenehmer Atmosphäre.  Den Gerichten war die Gewalt der Schlachthöfe, die Verschmutzung des Grundwassers und die Vertreibung der Subsistenzbauern in Indien und anderswo nicht anzusehen. Was da so gut schmeckte, waren Produkte der industriellen Landwirtschaft, die – ob mit oder ohne Biosiegel – den Planeten ruiniert. Auffallend oft werden beim Essen die Sünden der Tierhaltung thematisiert. Wie in einer Art Reinigungsritual. Gut, dass wir drüber geredet haben, enjoy your meal. Die entsetzlichen Bilder der Massentierhaltung machen wenige zu Vegetariern. Das Entsetzen über Folterbilder führt nicht zu Protesten gegen Guantanamo.

 

Auf dem Weg ins Theater hatten wir Jugendliche gesehen, die sich zur Rettung des Planeten trafen. Der Redner kündigte an, über Tatsachen zu sprechen, „die wir alle kennen“. Im Klimaprotest haben die Bilder bereits das Denken erstickt. Der Eisbär auf der Scholle löst kein Innehalten aus. Die Demonstranten tragen vor allem ihre Hilflosigkeit auf die Straße: „Stoppt den Klimawandel“.

 

Auf dem Rückweg zum Bahnhof las ich auf einem Wahlplakat der PARTEI: „Klimaziele erreichbar machen“. Besser lässt sich der Zynismus unserer Gesellschaft nicht fassen. Und vielleicht ist es das, was mir fehlt. Die Bereitschaft, angesichts der Aussichtslosigkeit eines gesellschaftlichen Kurswechsels das Denken nicht aufzugeben und sich intellektuell nicht auf das Niveau der Mächtigen zu begeben. Wenn Lehrer mit ihren Schülern diesen Slogan im Deutschunterricht interpretierten, würde ihnen vielleicht die Absurdität des schönen Scheins, in der wir leben, bewusst. Es könnte ihnen sogar klar werden, warum es nicht einmal reichen würde, unser Konsumverhalten zu ändern.

 

Wir sind ja in die Gewalt in Mossul verstrickt. Es herrscht längst Krieg. Noch exportiert ihn der Westen, dem im Streit um Öl kein Wert heilig ist, in die Regionen, aus denen er seinen Treibstoff importiert. Die Freiheit wird auch hier erdrosselt. Dafür Bilder zu finden, ist sicher schwer. Aber vielleicht wäre ihr aufklärender Wert größer. Außer mir verließ nur noch einer den Saal. Wer heutzutage schöne Abende verleben will, muss hart im Nehmen sein.