Menschenwürdig leben

Über Sterbehilfe.

Es ist gut, einen Ausweg zu wissen. Zu wissen, dass man unerträgliches Leid nicht ertragen muss. Viele an Parkinson Erkrankte sind diesen Weg gegangen. Wer hätte sie hindern sollen?

 

Als Parkinsonkranker möchte ich diese Option haben. Ich möchte grundsätzlich selbst entscheiden, wann es genug ist. Wann das sein wird, wer weiß? Als junger Mensch hätte ich vielleicht gesagt, wenn ich mal von Tabletten abhängig wäre. Heute schlucke ich sie sieben Mal am Tag. Die Grenze der Leidensfähigkeit und -bereitschaft wird sich verschieben. Im Spiegel argumentiert Cornelia Schmergal, „in klar definierten Ausnahmefällen sollen Mediziner, die dazu bereit sind, todgeweihten Patienten beim Sterben helfen dürfen.“ Wer traut sich zu, Ausnahmefälle klar zu definieren?

 

Der Medizinrechtler Oliver Tolmein hat schon vor Jahren auf eine fatale Entwicklung hingewiesen. Patientenverfügungen legten im Allgemeinen fest, wann eine Behandlung zu beenden sei. Der Patientenanwalt vermutete dahinter auch ökonomisches Kalkül. Chronische Leiden können ins Geld gehen. Die Diskussion um Sterbehilfe wird vor dem Hintergrund einer "Kostenexplosion" geführt. Die Pflege ist zu teuer, heißt es. In den Krankenhäusern ist sie längst "outgesourct". Pflege ist ein Kostenfaktor.

 

Wohin das in einem auf Gewinn orientierten Gesundheitssystem führt, schildert der Selbsterfahrungsbericht einer amerikanischen Autorin im „New Yorker“. Nach der doppelten Brustamputation, schreibt Anne Boyer, sei sie aus dem Aufwachraum gewiesen worden. Die Krankenschwester weckte sie aus der Anästhesie und versuchte, den Entlassungsfragebogen auszufüllen. Währenddessen erklärte Anne Boyer, sie sei noch nicht bereit. Sie habe Schmerzen, sie sei noch nicht im Bad gewesen, sie habe keine Instruktionen bekommen und könne nicht stehen. Die Krankenschwester kann nichts mehr für sie tun. Sie drängt die Patientin zu gehen. Und sie geht.

 

Viele Pflegebedürftige haben Angst, der Allgemeinheit zur Last zu fallen. Der Druck auf Kranke und Behinderte, ihr Leben zu beenden, könnte steigen. In den Niederlanden, wo die Sterbehilfe großzügig geregelt ist, gibt es diese Entwicklung.

 

Oliver Tolmein empfahl, zu fordern, als Sterbender nach modernsten medizinischen und pflegerischen Methoden behandelt werden zu wollen. Würdiges Sterben kann teuer werden. Ökonomische Gründe dürfen nie eine Rolle spielen, wenn es um die Versorgung behinderter oder sterbenskranker Menschen geht.

 

Ich möchte mich auf meinen Arzt verlassen können. Er soll um mein Leben kämpfen. Selbst wenn ich nicht mehr leben will. Schon der kleinste Verdacht, er könne etwas anderes wollen als mein Wohlergehen, zerstörte mein Vertrauen in Ihn. Für den Sterbewunsch ist der Arzt der falsche Ansprechpartner.

 

Muss das Sterben bis ins Kleinste gesetzlich geregelt werden? Der Staat muss Auswüchse verhindern, für mich wäre das die kommerzielle Sterbehilfe. Keine Strafe der Welt könnte mich davon abhalten, einem Menschen beim Sterben zu helfen, wenn er es wünscht, weil er unmenschlich leidet. Diese Verantwortung kann mir niemand abnehmen.

 

„Unwertes Leben“ auszulöschen, ist für eine wachsende Zahl von Menschen attraktiv. Ob das die Abtreibung von Kindern mit Down-Syndrom ist oder das erleichterte Abschalten von lebenserhaltenden Apparaten. Im Bundestag sitzen Sozialdarwinisten, für die die Euthanasie im 3. Reich ein „Fliegenschiss“ ist. Ihrem Denken darf kein Raum gegönnt werden.

 

Es geht darum, das Leben in seiner Vielfalt, zu der auch Behinderungen gehören, zu akzeptieren: Davon schrieb Stefan Berg in einem Essay über Sterbehilfe im Spiegel. Auch ich möchte mein Recht auf Leben nicht abgeben, nur weil ich hinfällig werde und mich seltsam bewege.

 

Stefan Berg, der viel jünger war als ich, als ihn die Krankheit ergriff, tröstet sich mit dem christlichen Glauben. Ich beneide ihn darum. Mir steht dieser Trost nicht zur Verfügung. Allerdings werde ich nicht in die Versuchung geraten, in einer Selbsthilfegruppe mit Trommeln „dem Parkinson Angst und Schrecken einzujagen“. Jede Form der Verniedlichung dieser Scheiße ist ein Schlag ins eigene Gesicht.

 

Das Leiden kann unerträglich werden. Was ein Mensch ertragen will, kann niemand außer ihm bestimmen. Diese Kraft wünsche ich mir. Zu sagen: Mein Wille geschehe. Nichts mögen Gesunde weniger als einen Kranken, der sich nicht mit seiner Krankheit arrangiert. „Stell dich nicht so an. Nerve uns nicht“, heißt es dann, mehr oder weniger laut.

 

Was da nervt, bin ich.