TEXTEN LEICHT GEMACHT

Werbende Texte gelingen leicht, wenn Sie die richtigen Begriffe verwenden. Mit der Zutatenliste von möbel und texte können Sie Ihren PR-Brei selbst zubereiten.

 

 

So steht´s im Prospekt:

 

Hotel 1. Starten Sie direkt vom Hotel aus Ihre Entdeckungstour in der Welterbestadt Quedlinburg mit den bunten Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen. Unsere 31 komfortabel eingerichteten Doppel- und Einzelzimmer laden zum Verweilen und Wohlfühlen ein. Stärken Sie sich am Morgen mit unserem reichhaltigem Verwöhnfrühstück.

 

Hotel 2. Ein reetgedecktes Fachwerkhaus, unser gemütliches Restaurant in einer historischen Scheune, umsäumt von jahrhunderte alten Eichen laden zu einem Besuch ein. Die hellen Ferienwohungen und die großzügigen, liebevoll gestalteten Zimmer laden dazu ein, die Seele baumeln zu lassen.

 

Das eine Hotel bietet Urlaubern und Handwerkern einen preiswerten Aufenthalt. Wer günstig unterkommen will oder muss, „kommt hier voll auf seine Kosten“, wie es im Prospektdeutsch so gerne heißt. Das andere will mehr. Und bietet es auch. Nur merkt man es nicht.

 

 

Machen Sie es besser.

 

am Ende des Tages

 War vor ein paar Jahren die angesagte Floskel. Ihr Zeitfenster scheint endgültig geschlossen zu sein.

 

ausgesucht

 meist Weine und Zutaten. Soll Exklusivität bedeuten, bezeichnet aber das Normale: irgendwer wird das Zeug wohl ausgesucht haben. Es wäre interessant zu erfahren, wer was nach welchen Kriterien ausgewählt hat. Das erfährt man selten.

 

frisch

in der Gastronomie gern auch „marktfrisch“

 

gemütlich

gehört auf den Index. Wie die verwinkelten Gassen, die herrlichen Landschaften und die verträumten Winkel.

 

individuell

gibt dem 08/15 der Hotelketten die persönliche Note.

 

 

 

Serengeti-Feeling pur. Ein touristisches Idyll

Mit dem Rad durchs wilde Tal der Elbe. Die Sonne steht hoch über Unbesandten. Gleich hinter dem Deich lockte ein kulinarisches Kleinod*, auf dessen Terrasse aufmerksame Kellnerinnen die Gäste mit Coupes der „Eismanufaktur Schöller und Mövenpick“* und regionalen Köstlichkeiten* verwöhnen – mitten in „unberührter Natur“*. Plötzlich vibriert die Luft: Wildgänse in V-Formation kreuzen kreischend den Himmel.

Uns hält es nicht länger auf den Gartenstühlen. Vorn auf dem Deich stehend, überblicken wir die paradiesisch grünen Elbauen bis hin zum Fluss, der hier ein Flüsschen ist. Sturmerprobte, an Caspar David Friedrich gemahnende knorrige Eichen überragen Weiden und Wiesen. Zum Greifen nah staksen Störche über die Feuchtwiesen, bewacht von gravitätischen Reihern. Unweit der Adebare saufen winterharte Rinder am Wasserloch; bräsig beäugt von einem selbstvergessen wiederkäuenden Bullen, der im Schatten einer Ulme ruht. Plötzlich springen Rehe durchs Bild. Mit kräftigen Sätzen hastet der sehnige Rehbock seiner Ricke hinterher. Nur wenige Meter entfernt den Deich hinauf verschwinden sie im brandenburgischen Nirgendwo. Spatzen tschilpen in einer mächtigen Buche, von fern blöken Schafe. Libellen sirren, Bienen bestäuben die farbenprächtigen Wildpflanzen, eine Echse huscht durchs halbhohe Gras. Die Sonne sticht. Meine Begleiterin entdeckt durchs Fernglas eine Herde von Wildpferden, denen schwarz glänzende Vögel Parasiten aus dem Fell ziehen.

Tief atmen wir die würzige Luft ein, Erholung pur*. Bei einer Safari in der Serengeti habe sie mal gesehen, wie Löwen Liebe machen, verrät die anmutige Silver Agerin zart errötend. Verlegen weiche ich ihren samtblauen Augen aus.

Gemächlich radelten wir weiter. Vorbei an liebevoll restaurierten Gehöften, in denen jetzt Städter der Landidylle frönen. Unterwegs widerstanden wir den bunten Werbetafeln der radlerfreundlichen* Cafés mit ihren geschäumten Noppentischdecken, die uns mit Kuchen hausgebacken*, ofenfrisch* oder frisch vom Blech* lockten.

Rechtschaffen müde zutzeln wir eine gefühlte Ewigkeit nach der Bestellung („wir bereiten alles frisch zu“*) an marktfrischen*, handgeschnittenen*, vegan panierten Beinwellblättern „aus der Region“*, die an einem Salat von dem Erdapfel* serviert werden. Dazu schenkt der bärtige Wirt ein zertifiziertes Biobier* aus der nahen Kleinstbrauerei aus. „Lecker“*, entfährt es der schlemmenden* Reisegefährtin.

Ermattet vom köstlichen Schmaus* falle ich ins plüschige Bett. Noch bis in den seligen Schlaf verfolgt mich das Geschrei von wilden Vögeln.

 

*PR-Deutsch aus Hotelprospekten und Speisekarten der Region

 

 

hausgemacht

die Petersilie auf der Mayonnaise aus dem 5-Liter-Eimer

 

Liebe

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze“, schrieb Paulus den Korinthern. Schöner geht es nicht. Schreiben Sie über die Zutaten, mit denen Sie kochen oder backen. Lassen Sie die Liebe aus dem Spiel.

 

Manufaktur

handgeschöpfte Schokolade: man sieht förmlich das Schwarze unter den Fingernägeln

 

passgenau

passt, wackelt und hat Luft. So soll es sein, ist also nicht der Erwähnung wert

 

pur

Lebensfreude pur, Genuss pur, Natur pur. Ist so abgegriffen wie die Musik von PUR. Und genauso verlogen. Pur "geht gar nicht". Ultimativ.

 

regional

alles, was die nächstgelegene METRO bietet. Wenn der „marktfrische“ grüne Spargel aus Peru kommt, sind dann Kartoffeln aus Ägypten noch regional?

 

 

 

ORIGINALTEXT

Regionale Naturküche im Rhythmus der Jahreszeiten

 

In unserem Restaurant, mit herrlich sonniger Terrasse und Kamin, wartet auf Sie eine deutsche und regionale Naturküche im Rhythmus der Jahreszeiten, dazu ausgesuchter Winzerwein und moderne Getränke. Unsere Jahreszeitenküche kreiert nach dem Motto „Land - schafft - Qualität“ regionale, frische, sowie moderne Spezialitäten.

 

reichhaltig

Standard bei Hotelfrühstück, leider nur im Prospekt

 

schlemmen

Soll nach Schlaraffenland klingen, erinnert aber an das „Große Fressen“. All you can eat. Vergessen Sie nicht: Irgendjemand muss die Kotze aufwischen.

 

Seele baumeln lassen

wenn Tucholsky gewusst hätte, was er damit anrichtet

 

unterwegs sein

Die Floskel wird am Ende des Tages hinter dem Horizont verschwunden sein.

 

verweilen

Jetzt kommt´s faustdick: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn!“ So sprach Goethes Faust. Tun Sie es ihm nach, wenn ein gemütliches Zimmer Sie zum Verweilen einlädt.

 

verwinkelt

siehe „gemütlich“

 

verwöhnen

„Womit kann ich Sie sonst noch verwöhnen?“, fragte die Bäckereifachverkäuferin und errötete, als sie die Antwort vernahm.

 

vor Ort

Dazu Axel Hacke: »Vor Ort«, das geht nicht, hätte mein Lehrer in der Journalistenschule gesagt, das sei Bergmannssprache, der »Ort« sei die Stelle, bis zu der man sich im Stollen vorgearbeitet habe, »vor Ort« gehöre unter die Erde, da solle es bleiben. »Bundespräsident« und »vor Ort« in einem Satz bitte nur, wenn der erste Mann im Staat ein Bergwerk besichtige! Bis heute habe ich nie wieder »vor Ort« geschrieben. Ist aber nur eine Marotte von mir.

 

Zeitfenster

wird Zeit, es zu schließen

 

 

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