Im Hamsterrad

Über Zukunftsperspektiven.

Zur Zeit lese ich Bücher über Nigeria. Eher durch Zufall. Ein korruptes Land, in dem Angst vor Gewalt alltäglich ist – staatlich oder von Banden ausgeübt. Geld regiert diese Welt. Viel unmittelbarer als bei uns. Weil soziale Institutionen fehlen. Die einflussreichen christlichen Sekten predigen statt der Bewahrung der Schöpfung ihre Ausbeutung zur irdischen Bereicherung.

 

Ebenso zufällig geriet ich an einen Text von James Baldwin. 1962 schrieb er fulminant über seine Jugend in Harlem. Er predigte schon als 14-Jähriger in einer dieser Freikirchen und löste sich nach intensiven inneren Kämpfen von ihr. „Wenn das Konzept von Gott irgendeinen Wert oder Nutzen haben sollte, kann es nur der sein, uns größer, freier und liebender zu machen. Wenn Gott das nicht kann, ist es Zeit, ihn loszuwerden.“

 

Noch vor wenigen Jahren hätte ich Baldwin aus historischem Interesse gelesen, um die USA besser zu verstehen. Jetzt ist er Zeitzeuge. Auch bei uns hat Glaube Konjunktur, ob in der christlichen oder islamischen Version. Und plötzlich erleben wir, wie reaktionäres, patriarchalisches, Frauen und Minderheiten verachtendes Denken sein Recht fordert. (Unterstützt durch eine von allen guten Geistern verlassene Linke, die „interkulturelle Offenheit“ propagiert). Religiöse Fundamentalisten aller Couleurs erreichen die Anerkennung ihrer Schöpfungsgeschichten als potentielle Wahrheit.

 

Es ist kaum zu fassen, in welche Richtung sich das Denken bewegt. Dabei habe die Menschheit nur noch zehn Jahre, um die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe zu bändigen, sagen Wissenschaftler, die von religiösen Spökenkiekern als Traumtänzer denunziert werden. In Brasilien gewann Jair Bolsonaro, der von evangelikalen Christen unterstützte neue Präsident, die Wahl mit dem Versprechen, noch mehr Urwald abzuholzen. Auch Donald Trump verlacht die Klimaschützer. (Nebenbei: Das würde Angela Merkel nie tun. Sie trickst sie aus. Deutschland erreicht  die „Klimaziele“ nicht. Na und?)

 

Auf nennenswerten Widerstand stößt diese Politik nicht. Alle laufen im kapitalistischen Hamsterrad. Und alle, Konsumenten und Politiker, arbeiten daran, es zu beschleunigen. Jeder für sich und Gott gegen alle, sozusagen. Weniger „Gedöns“, wie es der ehemalige Chef einer rot/grünen Bundesregierung so schön ausdrückte, gilt als Rezept für die Welt. Der hierzulande steigende Sozialhaushalt ist kein Gegenbeweis. Er sorgt nicht mehr für sozialen Ausgleich, sondern beziffert vor allem die Kosten der Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen.

 

In Nigeria, Syrien und anderswo ist der Zerfall der Gesellschaft weit fortgeschritten. Entwurzelte Menschen fliehen. Manche erreichen Europa. Der Zuzug von Menschen ohne soziale Bindungen vermehrt den Druck für eine grundlegend neue Politik. „Wir schaffen das“ hat sich längst erledigt. Es fehlen sogar die Begriffe für eine alternative Politik. Alle Welt spricht von Teilhabe und Inklusion. Mit dem neuen Vokabular ist eine grundlegende Änderung der Verhältnisse nicht einmal mehr denkbar. Nötig wären Solidarität und Emanzipation. Die religiösen Fundamentalisten haben gut lachen. Sie haben ja noch den Himmel in petto.

 


         Stefan Moes     Schreibtischler    
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