Blick zurück nach vorn

Tagebucheinträge

Radtour von Dömitz an der Elbe bis Potsdam an der Havel. Kaum noch Schlaglöcher auf dem Elb-Deich bei Dömitz. Fangen wir mit einer guten Nachricht an. Die meisten Backsteinbauten am Wegesrand wirken renoviert, aber verlassen. Wer mag da wohnen? Wahrscheinlich vor allem Berliner und Hamburger. 2. 8. 2016

 

Wittenberge protzt mit überdimensionierten Versuchen, die Industriegesellschaft in einen Freizeitpark zu überführen. Kletter- und Tauchabenteuer in einer ehemaligen Ölmühle spekulieren auf Touristen. Nebenan zerfallen die ehemaligen Singer-Nähmaschinenwerke. Die Stadt bietet jede Menge Hotels, alle wirken leer. Der Boom, auf den man sich hier vorbereitet hat, kommt nicht mehr. Wir entdecken keinen einzigen teureren Laden mit Qualitätsangebot, dafür viele wie „Conni’s Warenschleuder“. Die deprimiert wirkenden Menschen scheinen auf nichts mehr zu hoffen. Menschen, die investieren, Ideen und Geld mitbringen, meiden diese Stadt offenbar. Sicher gibt es Rassismus (die NPD diffamiert Flüchtlinge als „rapefugees“, allerdings hängen die Plakate unerreichbar hoch). Ins Auge sticht etwas Anderes: Die Flüchtlinge konkurrieren hier um Sozialleistungen. Noch im letzten Herbst hat die Presse die Einheimischen als unmotivierte Vollpfosten diffamiert und ihrer Lethargie die tatkräftigen Facharbeiter aus dem Nahen Osten entgegen gehalten. Jetzt stehen sie gemeinsam um Sozialhilfe an. Die Linken und Liberalen (In Einfalt für Vielfalt) haben die soziale Frage nicht mehr auf dem Zettel. Und noch weniger denken sie über Alternativen zum Neoliberalismus nach. Warum sollte man sie wählen? 3. 8. 2016

 

Im Storchendorf Rühstädt an der Elbe ist fix was los. In mehr als dreißig Storchennestern waren Junge geschlüpft. Jetzt sind sie fast erwachsen. Die Jungstörche stehen meist im Nest und wechseln von einem Bein aufs andere. Manchmal macht einer einen wackeligen Flugversuch. Kaum zu glauben, dass sie in gerade mal drei Wochen nach Afrika aufbrechen werden. In der Gaststätte kann man per fester Kamera das eintönige Leben im Horst beobachten. Nicht viele Menschen tun das. Die Gaststätten sind jetzt zur Hochsaison leer, im Hotel sind reichlich Zimmer frei. Kommen zu wenig Touristen oder hat man in Erwartung des kommenden Ansturms die Kapazitäten zu sehr aufgeplustert? Jedenfalls zeigt sich, dass es fahrlässig ist, in Zeiten, in denen wer Geld hat, zum Kaffee trinken nach Barcelona fliegt, während anderen schon der Weg vor die Wohnungstür zu teuer ist, auf Tourismus als Haupteinnahmequelle zu setzen. Genau das tun unsere Politiker. 4. 8. 2016

 

Die Elbe durchquert auf den rund 200 Kilometern vor Hamburg fünf Bundesländer. Es gibt für die Orte am Fluss, die auf Tourismus und Wirtschaftsförderung angewiesen sind, kein länderübergreifendes Konzept, erzählt uns ein Berliner Arzt, der im brandenburgischen Werben an der Elbe ein Haus saniert. Jede Verwaltung passt schön auf, dass ihr nichts wegkommt. Der Informationspavillon zur Wasserlandschaft Elbe/Havel im benachbarten Havelberg liegt in Sachsen-Anhalt. Werben an der Elbe kommt dort nicht vor. Die Menschen in Werben denken zwangsläufig grenzüberschreitend. Wer kann, steigt sonntags ins Auto, packt Lebensmittel für eine Woche hinein und fährt zur Arbeit nach Hamburg, erzählen uns mehrere Einwohner.

 

Die anderen im Ort sind Rentner oder beziehen Hartz IV. Vor kurzem, so hören wir vom Wirt im Deutschen Haus, als er uns freitags abends um acht Uhr nach einem wirklich guten Essen freundlich bittet, aufzubrechen, weil wir die einzigen Gäste sind, vor kurzem sei Hamburgs Bürgermeister als Vertreter der größten Hansestadt in Werben gewesen. Werben ist nämlich die kleinste. Ob was rauskommt? Jedenfalls haben sich die Honoratioren einen schönen Tag gemacht. Es lebe der Föderalismus. 5. 8. 2016

 

In Garz an der Havel folgen wir einem Hinweisschild zum „Spinnertreffen“. Was wie für mich gemacht erscheint, erweist sich als einer der typischen historischen Handwerksmärkte mit Spinnrädern und Webstühlen. Auf dem Flohmarkt nebenan verkaufen Profis und Gelegenheitshändler Kunsthandwerk und selbstgebackenen Kuchen. Mitten auf dem Platz verspricht eine Stelltafel „Wir bauen die Zukunft“: Die EU finanziert den neuen Havelradweg. Die Straßen im Osten sind längst besser als die im Westen. Aber mit wem wir auch ins Gespräch kommen: Wir hören Klagen über fehlende Perspektiven. Immer noch fliehen die Jungen in den Westen, beklagt eine pensionierte Lehrerin, die uns bei Kaffee und Kuchen vom guten Grundschulunterricht in der DDR vorschwärmt. In vielem hat sie Recht. Aber die Richtung stimmt nicht. Nostalgie überall. Der Osten hat kein Medium behalten, keine Sprache gefunden, keine Ideen entwickelt. 27 Jahre nach der Wende erweist sich die Zerschlagung des Fernsehfunks im Namen der Demokratisierung als Pyrrhussieg für die Demokratie. 6. 8. 2016

 

Rechts vor links. Unbefangen klagt eine Floristin über „Fitschis“ mit ihren Billigangeboten, auch ein freundlicher Wirt nennt die aus der DDR übrig gebliebenen Vietnamesen so. Angst anzuecken haben sie nicht. Auf dem Flohmarkt trägt ein vielleicht 40-jähriger Glatzkopf auf dem üppig tätowierten Arm auch das Portrait eines Wehrmachtslandsers. Leider verschwindet er, ehe ich ihn ansprechen kann. Beim Frühstück auf der Café-Terrasse in Rathenow ereifert sich ein Rentner am Tisch hinter mir lautstark über Ausländer, die „das ganze Geld kriegen“. „Die sollen sich waschen“, empfiehlt er. Seine Frau mahnt ihn, den Mund zu halten. „Mit dir kann man nirgends mehr hingehen.“ Wir brechen auf: „Ich sage jetzt nichts“, sage ich dem Alten. Der guckt konsterniert und schweigt. Was will man mehr. 7. 8. 2016

 

Im REWE-Markt des Havelstädtchens Plaue füllt die meist ältere Kundschaft die Einkaufswagen mit abgepacktem Obst und Gemüse aus europäischen Agrarfabriken. Volle Regale können deprimieren. Im Ladendudelfunk spielen sie „You don´t wanna live like that“**. Das kann man nicht erfinden. Auf dem Weg bisher gab es nirgends frisches Obst und Gemüse zu kaufen, dabei ist das Obstanbaugebiet Werder nicht weit. Und überhaupt: Wir radeln ja ständig durch Felder. Aber auf denen wächst vorwiegend Mais, der in Biogasanlagen verfeuert wird. Riesige "Trecker" brausen über Feldwege. Die Landwirtschaft fällt als Arbeitgeberin aus. Ab und zu, in Rühstädt an der Elbe, und in Götz, nahe der Havel, sehen wir kleine Stände, an denen verkaufen Privatleute ihre Gartenernte: frische Tomaten – in deutschen Dörfern selten wie Trüffel. Selten wie Jobs. Der Osten führt noch krasser als der Westen vor, wie Menschen überflüssig gemacht werden. Die Süddeutsche berichtet über Roboter, die Paketboten ersetzen. Dem Knochenjob weine ich nicht hinterher. Wer Arbeitsplätze zerstört und zugleich in großer Zahl Fremde aufnimmt, muss eine menschenfreundliche Alternative entwickeln. In der Zeitung fand ich einen Bericht über Räume der Stille, in denen Gläubige beten können. Wir bräuchten mehr Räume zum Denken. 8. 8. 2016

 

Kurz vor Potsdam ziehen wir Bilanz. Wir sitzen im Garten der „Anglerklause“ am Ufer der Havel, die hier einen See bildet, blicken über das Wasser auf das alte Zentrum von Werder. Dies ist einer der dünn gesäten schönen Plätze, genau so wie der Platz am Havelufer im Schlosscafé in Plaue, wo der Schoko-Birnenkuchen ein Lob verdient hat. Etwas Besonderes bot der Reiterhof in Steckelsdorf: Die Zimmer liegen im Bereich der Reithalle, über den Ställen. Aus dem Fenster beobachteten wir Westernreiter beim Viehtriebwettbewerb. Ostdeutsche mit einem Faible für Amerika, das allein ist schon erfreulich. Erfreulich auch die Pension "Roter Adler" in Werben an der Elbe mit ihrem Blumengarten, der den Gästen offen steht. Insgesamt fällt die Bilanz mäßig aus. Zu wenig Gastronomie, die zu wenig Vegetarisches bietet. Und der Weg? Er entfernt sich zu oft vom Fluss, um reizlose Monokulturen zu durchqueren. Vom Wasser aus müsste das Erleben der verschlungenen Flussarme intensiver sein. Also wiederkommen und ein Hausboot mieten oder ein Paddelboot. In Potsdam angekommen, freuen wir uns: der belesene Buchhändler in der Buchhandlung Wist, der so anregend Bücher empfiehlt, ist noch da. Bisher verließen wir Potsdam immer mit deutlich schwereren Satteltaschen. 9. 8. 2016

 

Der Aldi-Markt in Potsdams Berliner Vorstadt hat einen Bootsanleger. Gut verdienen, wenig abgeben, so machen es die, die noch im System sind. Im Filmmuseum sehe ich einen Bericht über die Abwicklung der DEFA durch die Treuhand (vor einer gefühlten Ewigkeit!). 1.400 Festangestellte sollen sich auf dem freien Markt anbieten. Das sei weltweit normal, erklärt der rundum versorgte Minister. Im Hotel am Luisenplatz logiert ein überwiegend älteres Publikum, viele Rentner. Sie profitieren noch von den hohen Löhnen der 70er und 80er Jahre. Wer jetzt für seine Rente einzahlt, finanziert ihren Lebensstil und wird vermutlich nicht mehr das Versprochene bekommen. Der Barista in der Kaffeebar arbeitet auf 420-Euro-Basis. Der Gedanke, dass Arbeit auch das Alter absichern soll, geht verloren - bei denen, die sich abgesichert wähnen. Sozialboutiquen hatte ich versprochen, und Spacken. In Potsdam gibt es ersteres nicht, wohl aber Spacken. Ein junger Glatzkopf mustert mich in Sekundenschnelle, als ich ansetze, ihn nach dem Weg zu fragen. „jup“, flüstert er und tritt in die Pedale. Nahe der Glienicker Brücke igeln sich die Gewinner der deutschen Einheit ein. Wo früher Grenzsoldaten die Potsdamer am Weglaufen hinderten, kontrollieren Kameras alles, was sich bewegt, sogar das Wachstum der Rasenflächen vor den Villen. 10. 8. 2016

 

Heute mehr junge Gäste im Frühstücksraum. Widerlegen sie meine Theorie? Nicht unbedingt: Sie logieren im Bed-and-breakfast-Bereich. 11. 8. 2016