Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

Vom Sprechen über Migration.

Wie berichten die Medien und wie sprechen wir über Migration? Zu dieser Frage und zu ihrem Hintergrund hier eine kleine Zusammenstellung eigener Erfahrungen.

 

 

Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast. Neulich sah ich im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL eine Balkengrafik. Der lange Balken oben zeigte an, wieviel Prozent der pakistanischen Flüchtlinge Arbeit haben. Es sind fast alle. Unten ein kurzer Balken, der zeigte die Zahl der arbeitenden Syrer. Es sind gerade fünf Prozent. Ein Beispiel, wie man mit Fakten lügen kann. Denn die Großzahl der Flüchtlinge kommt aus Syrien, kaum einer kommt aus Pakistan. Die Statistik soll uns beruhigen.

 

Was zu schaffen ist. Beruhigend soll nach Darstellung der Qualitätspresse auch sein, dass „nur“ 20.000 Menschen monatlich in Deutschland ankommen. Die Grenze hält, soll das heißen. Aber ist das eine gute Nachricht, wenn die Fluchtgründe weiter bestehen? Und was ist unproblematisch an einer Zuwanderung von jährlich 240.000 Menschen ohne Deutschkenntnisse?

 

 

Schweinefleisch halal. Ich erinnere mich gern daran, wie ich mit meinem kurdischen Kollegen in der NDR-Kantine saß. Er verzehrte ein Schnitzel und einige Kollegen, die vorbeikamen, stutzten und fragten: „Darfst du das?“ Ist eine solche Frage noch „kultursensibel“ oder schon ignorant? Oder womöglich beides? Und wie berichten Journalisten, die solche Fragen stellen?

 

 

Wie sensibel soll Altenpflege sein? Auch Migranten altern. Wenn sie pflegebedürftig werden, müssten sie „kultursensibel“ gepflegt werden, fordern Altenpflege-Theoretiker. Rücksicht auf Tradition und vor allem die Konversation in der Muttersprache seien wichtig.

„Mutti gut", erklärte mir die Altenpflegerin, wenn sie meine Mutter, die ihre letzten Wochen in einem Pflegeheim verlebte, versorgt hatte. Ich ging dann ins Zimmer und fand meine Mutter frisch gewaschen, gekämmt, die Hände auf der Decke liegend. Ist „Mutti gut“ „kultursensibel“? Die Pflegerin kam von den Philippinen, eine Konversation mit meiner Mutter überforderte sie.

Wäre meine Mutter Türkin gewesen, könnte das zu einem kleinen Skandal reichen. Sie war aber Deutsche, für die gilt die Rücksicht auf Kultur und Sprache lange nicht mehr. Würde ein deutscher Pflegekunde die Pflege durch deutsches Personal fordern, müsste er mit dem Vorwurf des Rassismus rechnen.

„Ich habe Ihre Mutter gewaschen und eingecremt. Sie sollte bald umgelagert werden. Gerade hat sie auch einen Viertel Becher Wasser getrunken“, teilte mir ein anderer Altenpfleger mit. Er war übrigens Pole. Damit das klar ist.

 

Wäre es nicht an der Zeit, eine menschenwürdige Pflege für alle Alten, unabhängig von Herkunft und Weltanschauung, zu fordern?

 

 

Aus meinem Tagebuch. „Ich bin gern die Person, die ich jetzt bin“, sagt M. lachend. Der 19-jährige Eritreer hat eine außergewöhnliche Entwicklung hinter sich. Als ich ihn im April 2017 kennenlernte, wirkte er kindlich und verlegen. Er schaute seinem Gesprächspartner nicht ins Gesicht, sondern drehte beim Gespräch den Kopf zur Seite. Das verstärkte den Eindruck von Unsicherheit. In seiner Heimat sei es Sitte, Erwachsenen nicht ins Gesicht zu sehen, erklärte er.

 

M. brauchte nicht lange, um einzusehen, dass er sich nicht länger auf kulturelle Gewohnheiten aus der Heimat berufen konnte. „Kultur ist, was man ändern kann“, erklärte ich ihm. Wenn er in Deutschland zurecht kommen wolle, müsse er hiesige Verhaltensweisen annehmen.

 

Eines Morgens sei er aufgewacht und habe eine Veränderung gespürt, erzählte er jetzt. Von da an ging er nicht mehr täglich zum Gottesdienst der orthodoxen Christengemeinde. Der Pastor warnte seine Schafe vor der Integration in die sündige deutsche Gesellschaft. M. erklärte den verdutzten Mitchristen, sein Platz sei an Wochentagen in der Bücherhalle. „Ich wollte mich bis dahin nicht ändern, sondern unter meinesgleichen bleiben. Ich hatte Angst vor der deutschen Lebensweise.“

 

Konsequent lernte er Deutsch, legte seine Scheu ab. Als ich ihm Goethes Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zu lesen gab – das mit der Zeile endet „Warte nur, balde ruhest du auch“ – interpretierte er es so: nach einer gefahrvollen Flucht sei er am Ziel. Nun könne er zur Ruhe kommen. – Er macht eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der HHLA.

 

Ist der junge Mann ausreichend „kultursensibel“?

Was zu schaffen ist. Beruhigend soll nach Darstellung der Qualitätspresse auch sein, dass „nur“ 20.000 Menschen monatlich in Deutschland ankommen. Die Grenze hält, soll das heißen. Aber ist das eine gute Nachricht, wenn die Fluchtgründe weiter bestehen? Und was ist unproblematisch an einer Zuwanderung von jährlich 240.000 Menschen ohne Deutschkenntnisse?