SPRECHBLASEN

Über klare Verhältnisse.

KEIN MENSCH IST ILLEGAL steht in der Nordkurve des Millerntorstadions. An normalen Spieltagen verschwindet der Slogan hinter den Zuschauern. Beim Public Viewing des Hamburger Derbys konnten ihn alle lesen. Wer hier Fan ist, heißt Flüchtlinge willkommen und fordert „Nazis raus aus den Stadien“. Damit das klar ist, nichts davon finde ich völlig falsch.

 

Mich stört jedoch etwas. Mir kommt es vor, als bestätigten sich die guten Menschen mit diesen Slogans ihr gut sein. Sie begrüßen die Flüchtlinge – diese Menschen nicht „Geflüchtete“ zu nennen, macht mich bereits verdächtig – auf Englisch. Obwohl die meisten Ankömmlinge diese Sprache nicht verstehen.

 

Warum sagen sie nicht „Herzlich Willkommen“? Weil sie in erster Linie sich selbst ihre Weltoffenheit demonstrieren wollen, vermute ich. Die offenen Arme gelten nicht Menschen, sondern einem Prinzip. Wer wie viele der Zuschauer im Stadion, am Vorabend für das Recht jedes Menschen, nach Deutschland zu fliehen und hier zu bleiben demonstrierte, zeigt, dass es um die reine Lehre geht, die an der Realität nicht interessiert ist. Mobilität – so die Ideologie, der auch die Autonomen anhängen – ist per se gut.

 

Doch fliehen zu müssen, ist ja kein lohnendes Ziel. Wohl aber bleiben zu können – zu Hause. Wäre es nicht realistischer, gegen die Flucht verursachende deutsche Politik zu protestieren? Und wer sähe die Flüchtlingsströme nicht mit Sorge um mögliche Probleme bei uns?

 

„Wenn ich Afrikaner wäre und sähe, dass in meiner Lebenszeit keine Verhältnisse entstehen, die es meinen Kindern erlauben, am Fortschritt der Welt teilzuhaben, dann würde ich auch wandern. Wäre ich dagegen ein Europäer, der zusieht, wie sich alles so rasend schnell verändert, dass er sich nicht mehr zu Hause fühlt, dann würde ich darüber entscheiden wollen, wer nach Europa kommt.“ Einfacher sollte man es sich nicht machen. Der amerikanische Afrikanist Stephen Smith traut sich was. Er spricht aus, worüber viele schweigen, weil sie Beifall von der falschen Seite fürchten.

 

Vorausgesetzt, die „andere Seite“ nimmt das überhaupt wahr. Wahrscheinlich ist sie aber ebenfalls mit sich beschäftigt. Wir stecken ja alle mehr oder weniger in unserer „Blase“.

 

Den Niedergang der öffentlichen Streitkultur verortet Jens Jessen in der ZEIT um die Jahrtausendwende, als „Chefredakteure plötzlich das Ideal eines niedrigsten gemeinsamen Nenners entdeckten“, um ihre Kunden zu halten. Seitdem gediehen einfache Wahrheiten.

 

Und die pflegt jeder in seiner Nische. Wie halte ich mein Weltbild sauber? Wenn die Nazis mehr werden, sollen sie wenigstens beim FC St. Pauli nicht sein. Wie rette ich meinen Kiez? Wenn in St. Pauli alles so bleiben soll, wie es ist, müssen dann nicht Grenzen dichtgemacht werden? 

 

Die Demonstration war übrigens toll. Es waren so viele wohlgesonnene Menschen dort, schwärmten Teilnehmer. Man war unter sich. Und das war schön.

 

 

 

         Stefan Moes     Schreibtischler     moes@hamburg.de     0049 40 319 755 96     0049 171 834 89 64     www.moebel-und-texte.de