Auf Deutsch gesagt

ÜBER VERSTÄNDIGUNG.

„Meine Sprache ist Deutsch“. Das lese ich auf einem T-Shirt und denke: meine auch. Aber würde ich mit diesem Satz auf der Brust unter Leute gehen? Vermutlich nicht. Denn dort platziert, signalisiert er keine Gesprächsbereitschaft, sondern Abgrenzung oder die Abwehr fremdsprachlicher Einflüsse. Ich spreche Deutsch, Du nicht.

 

„Man spricht Deutsch“ schreiben im Ausland weltoffene Wirte an ihre Herberge. Das klingt ähnlich, wirkt aber einladend und beruhigt deutsche Reisende. Sie haben auch im Ausland oft die Auffassung, alle müssten ihre Sprache sprechen. Mir ging es kürzlich selbst so, als ich in Antwerpen auf Deutsch nach einer Cola fragte. „Ein Deutscher spricht Deutsch“, wusste der Verkäufer. Ein Türke übrigens. Vielleicht auch ein Belgier mit türkischen Wurzeln. In jedem Fall ein Europäer.

 

Als Deutschland noch eine Idee war, die verfeindete Kleinstaaten kulturell miteinander verband – also vor 1871 – hieß es „deutsch ist, wer Deutsch spricht“. 350 Jahre zuvor hatte Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt. Sie wurde ein Bestseller. Bis dahin war Deutsch die Sprache des „niederen“ Volkes. Noch heute warnen Menschen, die sich drastisch ausdrücken, so heiße das „auf Deutsch gesagt“.

 

Heute sprechen noch nicht einmal mehr Pförtner die Landessprache. Wer in einer Firma oder einer Behörde anruft, hört oft am anderen Ende ein hilfloses Radebrechen. Die Person dort versteht gerade so viel, dass sie zu kompetenteren Ansprechpartnern durchstellen kann. Dann ziehe ich im Geiste das oben erwähnte T-Shirt an.

 

Die Sprache der Herrschenden war zu Luthers Zeit Latein, im 18. Jahrhundert Französisch. Heute ist selbst in der Germanistik Englisch in. In den Konzernen sowieso. Mittelständige Mütter, die ihre Kinder als künftige CEO (Chief Executive Officer) sehen, dressieren sie in der Weltsprache. In Hamburg höre ich das seltener als in Frankfurt. In der Stadt der Banken hasten die Menschen auch die Rolltreppen hoch, während sie in der Hansestadt bräsig stehen bleiben. Wer vorneweg sein will, braucht keine Muttersprache.

 

Deutsch braucht dennoch kein Reinheitsgebot und keine Quote. Wie jede Sprache lebt Deutsch von den Menschen, die es sprechen. Kürzlich gab ich einem jungen Afrikaner Goethes Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zu lesen. Bei einheimischen Lesern weckt es Assoziationen an den Wald der Grimmschen Märchen und macht die Endlichkeit des Seins bewusst. Der Flüchtling las in dem Gedicht das Versprechen, nach gefährlicher Flucht endlich zu sich zu kommen: „Warte nur, balde ruhest du auch.“ Deutsch als Mittel der Verständigung, Deutschland als sicherer Hafen, in dem anlegt, wer sich verständigen kann. Ich fürchte, die Träger des T-Shirts sprechen eine andere Sprache. Sollte das so sein, gehörte ihnen – auf Deutsch gesagt – das Maul gestopft.

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