Verrohte Sitten

Schlecht Gelauntes über Körperschmuck und Lärm

Die Ostseezeitung berichtet über einen Wirt, der Morddrohungen erhält. Er lässt abends keine Kinder mehr in sein Lokal. In einem Land, in dem jedes Konzert, jede Zugfahrt und nahezu jede Trauerfeier von brüllenden und kreischenden Kindern dominiert wird, ist das Bestehen auf einem Raum für Erwachsene fast eine Heldentat.

 

Früher gab es eine „Zimmerlautstärke“. Heute beschallen junge Menschen den öffentlichen Raum mit verstärkter Musik. Kopfhörer brauchen sie nicht. Wo sie sind, sind sie zu Hause.

 

Touristen in Schlappen, Shorts und viel tätowierte Haut zeigenden Shirts machen jeden Boulevard zur Strandpromenade, jede Innenstadt zum Freizeitzentrum.

 

Überhaupt die Tattoos. Früher ein Stigma von Seeleuten und Kriminellen, ist der vollständig bebilderte Körper ein Zeichen für die Auflösung in der Masse geworden. Wer seine Haut bebildert, wird vom Individuum zur Schautafel. Sich stechen zu lassen, mache süchtig, berichten Menschen, die noch Platz für Motive haben. Insofern drücken Tattoos womöglich immer noch Verzweiflung der Outcasts aus in einer Welt, in der der vereinzelte Mensch machtlos zu sein scheint und nur sich selbst ändern kann.

 

Seit mehr als 30 Jahren bin ich Nachbar von Kindergärten. Noch vor wenigen Jahren regte ich mich über Hausbesitzer und Mieter auf, die gegen die Einrichtung einer Kita protestierten. Inzwischen möchte ich den Messtrupp von der Berufsgenossenschaft kommen lassen. Die Schreie, das hohe Kreischen liegen gewiss über der Belastungsgrenze am Arbeitsplatz. Ich müsste im Wohnzimmer einen Gehörschutz tragen. Nur, weil Kinder so tun dürfen, als wären sie allein.

 

Damit bin ich zurück beim „Kinder hassenden“ Gastwirt. Er hat meine volle Unterstützung. Man muss nicht fürchten, dass jemand den Wirt umbringen will. So etwas ist schnell dahingesagt. Leider bleibt es nicht im privaten Bereich. Heute gelangt jede Äußerung in die Öffentlichkeit und vergiftet die gesellschaftliche Atmosphäre.

 

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen,“ geben sich die Krakeeler als Opfer der political correctness. Die ist wirklich schlimm. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Hier geht es um Kultur. Um den Erhalt der bürgerlichen Öffentlichkeit. Sie braucht als Gegenstück und Grundlage die Privatsphäre.

 

Wo alles Öffentliche privat und alles Private öffentlich ist, wird das gesellschaftliche Leben unerträglich. Der Wirt hat es gewagt, Regeln aufzustellen. Das macht ihn mir sympathisch. Er hat etwas für die Kultur in diesem Land getan.

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