NOWHERE TO GO

Über Heimatgefühle.

In Bayern hängen sie jetzt Kruzifixe in die „Amtsstuben“. So geht Heimat. Die BILD versorgt alle Haushalte mit einer Heimatausgabe. Jede zweite Seite eine Anzeige. Heimat ist ein Verkaufsschlager. Samstagmorgens bevölkern die ersten Reisenden den Hamburger Hauptbahnhof. Hauptsache weit weg, locken Plakate der Tourismusindustrie. Heimat ist, was man flieht.

 

Die Alpen stehen noch. Es liegt nicht mehr so viel Schnee auf den Gipfeln. Aber der Eindruck kann täuschen. Ich weiß ja vom Klimawandel. Auch die Häuser mit ihren großen geraniengeschmückten Balkons erscheinen nur unverändert. Bauernhöfe wurden zu Hotels oder Pensionen. Der Kellner trägt Lederhose und grüßt immer noch zünftig mit „Grüß Gott“, aber privat spricht er polnisch.

 

Vor mehr als fünfzig Jahren machte meine Familie noch drei Wochen Sommerurlaub im Allgäu. Was ich als Kind als eine heile Bilderbuchwelt erlebte, wirkt auf den ersten Blick immer noch perfekt. Einmal sehen wir sogar Kühe mit Glocken um den Hals grasen. Hier müssen tausende Stück Vieh in Ställen stehen, denn das  Berchtesgadener Land verkauft seine frische Alpenmilch bundesweit.

 

Bayern ist reich, die Straßen sind breit genug für die immer mehr Platz fordernden Automobile, von denen viele im blauweißen Musterland gebaut werden. Damals war Bayern arm. Das Geld wurde im Ruhrgebiet verdient. Dort rauchte der Schornstein. Wir Kinder knibbelten schwarze Popel aus der Nase. Die Bayern legten den Zuschuss aus dem Länderfinanzausgleich clever an. Der Gegensatz von Stadt und Land existiert nicht mehr. Er ist in die Kulisse gerutscht. Was wie Land aussieht, ist städtisch. Die Landbewohner pendeln zur Arbeit in die Oberzentren. Oder sie bleiben als Landdarsteller in Gasthöfen, Andenkenshops oder als Busfahrer.

 

„So enden wir“, heißt die deutsche Übersetzung des neuen Romans von Daniel Galera, den ich gerade lese. Der brasilianische Romancier erzählt die Geschichte von vier modernen Städtern in Sao Paulo und Porto Alegre. Das ist jedoch Zufall. In Berlin, Singapur oder Sydney ließen sich die gleichen Schicksale schildern. Ihre Musik, ihre Fernsehserien und die Werbung, die einer von ihnen macht, sind global. Sie ernähren sich vegan und beschäftigen sich mit der Frage, wie die Welt aussehen wird, wenn sie bald nicht mehr von sieben, sondern von zehn Milliarden Menschen bevölkert wird. Bis auf einen sind sie kinderlos. Sie sind mit dem Internet groß geworden, bevor aus dem Freiheitsverprechen eine Kontrollmaschine der Konzerne wurde. Sie beherrschen seine Regeln und werden von ihnen beherrscht. Die Grenzen der Realität lösen sich im Digitalen auf.

 

Die weltweit von Attraktion zu Attraktion gekarrten Touristen wollen betrogen werden. Fakes stören sie nicht, so lange das, was sie für die Realität halten, Google Maps entspricht. Die Welt: eine Reisedestination für diejenigen, die es sich leisten können. Ein Versprechen für die Armen, die es in die Zentren schaffen. Ein Ort der Verzweifelung für die Heimatlosen der globalisierten Metropolen.

 

Die Absurdität der Heimattümelei zeigt sich in der Propagierung von mehr Geburten aus Sorge, die Deutschen könnten aussterben. Aus der globalen Perspektive des Romans ein Witz. „Weniger Leben“, benennt eine der Protagonisten die Chance der hypermobilen Menschheit. Morgens auf dem Weg zum Bahnsteig war mir oben an der Treppe ein Flüchtling aufgefallen. Er ist im Land seiner Träume angekommen, dachte ich. Und las auf seinem T-Shirt: „Nothing to do. Nowhere to go.“

 

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