Warum sind die Deutschen so friedlich?

Was ich von einem jungen Flüchtling lerne

"Hab ich mir gedacht“, antwortete M., als ich ihm eröffnete, er habe beim Praktikum eine gute Figur gemacht. Dabei lachte er mich an. Was für eine Entwicklung. Im April, vor etwas mehr als einem halben Jahr, traf ich den damals 18-jährigen Eritreer. Er wirkte verlegen, sah im Gespräch zur Seite. Wir übten den direkten Blick. Der fiel ihm schwer, weil es in seiner Heimat verpönt ist, Unbekannten in die Augen zu sehen. Jetzt tut er es.

 

M. geht auf Menschen zu und gewinnt sie für sich. Das imponiert mir. Er will die Sprache lernen. Und die Umgangsformen. Nachdem er sitzen geblieben war, als eine Frau den Raum betreten hatte, fragte er, ob er hätte aufstehen müssen. Er hatte bemerkt, dass Männer es taten, während Frauen sitzen blieben. (Das sei in Eritrea auch so, erklärt er später, aber er wusste nicht, dass es hier so ist.)

 

Kultur ist, was sich ändern lässt, sagte ich ihm anfangs. Viele Ausländer bleiben bei ihren Gewohnheiten. „Bei uns macht man das so“, teilen mir Menschen mit, die seit mehr als zehn Jahren hier sind. Sie erwarten mein Interesse, fragen aber nie, wie man es hier macht. Die Beziehung zu einem Afghanen scheiterte, weil er behauptete, unter Freunden gebe es keinen Streit. Daran hielt er fest, obwohl wir heftig gestritten hatten. Er verleugnete die Tatsache und verstand nicht, dass für mich erst die Klärung eine Freundschaft hätte begründen können.

 

M. verließ seine Familie mit 14 Jahren. Er hat Heimweh, vermisst Eltern und Geschwister. Und er vermisst seine Heimat. Er hört Lieder eines kritischen Sängers aus Eritrea, der das Martyrium der Flucht besingt. Er möchte nach Hause. Aber vorher will er seine Chance nutzen und eine Ausbildung machen.

 

Warum ist Deutschland reich und zivil, warum Eritrea arm und gewalttätig? Die Frage treibt ihn um. Im Museum für Hamburgische Geschichte erhält er einen Hinweis. Hamburg profitiert vom Welthandel, Eritrea ist chancenlos. M. interessiert sich für die Geschichte des Kolonialismus, die er im Museum der Arbeit ebenso aufnimmt wie im Berliner Haus der deutschen Geschichte.

 

Aber er will auch wissen, warum seine Landsleute nach einem dreißigjährigen Unabhängigkeitskrieg immer noch nicht gelernt haben, eine zivile Gesellschaft aufzubauen. Die Deutschen seien so friedlich. Meinen Hinweis auf fast 200 von Rassisten ermordete Menschen im vereinten Deutschland hört er nachdenklich. Wie sicher können wir unserer kulturellen Errungenschaften sein? M. wird auch das herausfinden.

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