Mein Syrer ist fleißig und spricht gut Deutsch

Wer nicht hören will, muss fühlen. Über eine Verunsicherung

Deutschland bestehe aus zwei Lagern, stellte das ZEIT-Magazin kürzlich fest. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen: Den gutmeinenden Flüchtlingsfreunden stünden die „Hetzer“ gegenüber. Menschen, denen die Einwanderung meist muslimischer Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse, ohne Ausbildung, in die nationalen Solidarsysteme nicht geheuer sei. Die ZEIT meint diesen Konflikt, würde ihn aber nicht so krass beschreiben. „Ohren zu und durch“ heißt die Reportage über Deutschland im Jahre zwei nach der „Flüchtlingskrise“.

 

Menschen nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen ist rassistisch. Aber nicht immer. „Wenn es sortenrein ist, wird es schnell langweilig“, meint einer der Interviewten in der ZEIT, ein IT-Experte. In seinem Lager ist es Konsens, „Buntheit“ für einen Wert zu halten. Platz gebe es auch, Obergrenzen für Flüchtlinge seien deshalb unnötig. Am Geld dürfe Flüchtlingshilfe nicht scheitern.

 

Ein Mann, der meint, die Migration der letzten Jahre stelle die Gesellschaft vor große Probleme, verliert seinen Freundeskreis. Solche Äußerungen will niemand hören. Ich kann das aus eigenem Erleben bestätigen. Der Mann findet Halt bei der AfD, also dort, wo ihn die Wohlmeinenden von vornherein verortet haben. „Moralisch aufgeladen“ findet die ZEIT die Diskussion. Um des lieben Friedens willen freuten sich viele, dass Flüchtlinge nicht mehr das ganz große Thema sind.

 

Mich würde das Gegenteil freuen. Denn Flüchtlinge sind das ganz große Thema. Millionen von Fremden zu integrieren ist eine Herkulesaufgabe. Sie birgt jede Menge sozialen und politischen Sprengstoff. Sie stellt die Institutionen vor neue Aufgaben. Sie kostet Geld. Mit Platz ist es nicht getan Nicht umsonst verlassen in Ost und West Bewohner ihre Dörfer und ziehen in die Metropolen. Menschen brauchen keinen Auslauf, sondern Strukturen.

 

Über den Aufbau neuer Strukturen wird in meinem Umkreis nicht gesprochen. Der Staat überlässt die Fürsorge weiterhin vielfach den Ehrenamtlichen. Die sehen ihre Einzelfälle und kontern jeden kritischen Hinweis mit einem positiven Erlebnis aus eigener Erfahrung. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie die Probleme eskalieren. Wie kommen wir aus der Moralfalle heraus?

moes@hamburg.de

 

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg