Lernen für das globale Dorf

Immanuel Kant, die Flüchtlinge und ein naiver Vorschlag

Mit 16 Jahren floh Isayas von Eritrea nach Europa. Sechs Jahre lang hatte er dort eine Schule besucht. Bücher gab es nicht. Immerhin, Isayas kann seine Sprache, Tigrinya, lesen und schreiben. In Hamburg besucht der inzwischen 18-Jährige die 10. Klasse der Berufsschule. Nun soll er in kürzester Zeit lernen, wofür einheimische Schüler zehn und mehr Jahre brauchen. Wie das gehen soll, wird öffentlich nicht diskutiert.

 

In zwei Jahren hat Isayas erstaunlich gut Deutsch gelernt. Aber es reicht nicht für den Unterrichtstoff. Vom Politikunterricht über die Grundrechte hat er behalten, dass Männer Männer und Frauen Frauen heiraten dürfen. Erst in Hamburg lernte er, dass auf der anderen Seite des Atlantiks Amerika liegt. Er hat gelernt, wie viele Millimeter ein Zentimeter hat; weiß aber nicht, wie groß ein Zentimeter ist. Die Zimmerhöhe schätzt er auf acht Meter. Indem er Formeln richtig anwendet und geschickt googelt, kaschiert er sein fehlendes Weltwissen.

 

 

Was können wir wissen?

 

Dass er damit scheinbar durchkommt, liegt an einem grundlegenden Mangel unseres Bildungssystems. Es legt kaum Wert auf Verstehen. Eigenständiges experimentelles Erarbeiten, Querdenken, Verbindungen knüpfen: Fehlanzeige. Bei in Deutschland sozialisierten Kindern mit helfenden Eltern mag das funktionieren. Bei Flüchtlingen nicht.

 

An dieser Stelle eine Beobachtung aus meiner drei Jahre zurückliegenden Berufsschulzeit, die sich – glaube ich – verallgemeinern lässt. Sprachlich und vom Allgemeinwissen her erfüllt die Mehrheit der Schüler nicht mehr die Anforderungen eines niveauvollen Unterrichts. Gute Zeugnisse werden verteilt, um ihnen die Zukunft nicht zu verbauen. Sie scheitern dann nicht in der Schule, sondern später. Investitionen in Kindergärten, Schulen, moderne Lehrerausbildung wären nötig. Man spart sie, weil die Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden, bzw. billiger anderswo eingekauft werden.  

 

Wie riesig sein Abstand zum deutschen Bildungsniveau ist, bemerkte Isayas beim Besuch der Holzmaschinenmesse LIGNA in Hannover. Die vollautomatischen Sägen und Fräsen werde er niemals bedienen können, sagt er. Je engagierter er lernt, desto mehr werden ihm seine Lücken bewusst.

 

 

Was sollen wir tun?

 

Die meisten Deutschen sind wie ihre Politiker der Ansicht, Millionen von Menschen ohne Sprach- und Kulturkenntnisse ließen sich im Schnelldurchgang integrieren. Das Konzept – wenn man es so nennen kann – birgt die Gefahr, dass Anforderungen gesenkt werden, damit Flüchtlinge formal qualifiziert erscheinen.

 

Die Flüchtlinge kommen nach Europa, weil ihre Gesellschaften nicht mehr funktionieren. Es werden weitere kommen. Das wird unsere Gesellschaft verändern. Wir befinden uns also in einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, für den uns noch Sensoren und Begriffe fehlen.

 

Die bisherige Praxis vernachlässigt außerdem das mitgebrachte Wissen der Flüchtlinge, von ihren Plänen zu schweigen. Was müsste sich ändern, damit ihre Fragestellungen aufgenommen werden? Müssten nicht statt der – unrealistischen – Eingliederung in die deutsche Gesellschaft, die Herausforderungen des sich bildenden globalen Dorfs den Lehrplan prägen? (Unrealistisch ist die Integration in das bestehende System. Realistisch ist der Wandel dieses Systems durch den Zuwachs einer nicht adäquat gebildeten, sprachlich nicht integrierten Unterschicht.)

 

 

Was dürfen wir hoffen?

 

Isayas will Metallbauer werden wie sein Vater. Er sehnt sich nach seiner Heimat. Wie müsste ein Bildungsangebot aussehen, das ihm Perspektiven eröffnet?

 

Wäre es nicht denkbar, Menschen wie Isayas rechtzeitig einzubürgern, um ihnen Sicherheit zu geben? Als Deutsche könnten sie in einem neu zu schaffenden Entwicklungsdienst in ihrer Heimat oder benachbarten Ländern arbeiten. Wenn es gelänge, an den Bedingungen der kleiner werdenden Welt anzusetzen, könnten die Flüchtlinge, statt Versorgungsfälle zu werden, wieder Akteure sein.

 

 

Was ist der Mensch?

 

Vor kurzem fragte Isayas, wer Immanuel Kant sei. Den Namen des Aufklärers hatte er im Unterricht gehört. Wir sprachen über seine philosophischen Fragen. Sie sind brandaktuell. So viel verstand der junge Flüchtling. Die deutsche Gesellschaft scheint dagegen wenig Wissensdurst und Willen zur Aufklärung zu haben. Sie hat mehrheitlich anscheinend nicht begriffen, dass Menschen zu uns kommen, die leben wollen wie wir. Die damit verbundenen Probleme lassen sich nicht durch Abschiebung lösen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibtischlerei          Stefan Moes        moes@hamburg.de        www.moebel-und-texte.de Formularbeginn

 

 

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