Fake Society

Normaler Wahnsinn

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So lange es geht, halten wir an Gewohntem fest. Unter bestimmten Umständen steigern wir uns geradezu hinein, analysierte der Sozialpsychologe Harald Welzer. Nämlich als Reaktion auf bedrohlich wirkende gesellschaftliche Veränderungen: Kopf einziehen und „nach mir die Sintflut“.

 

Diese Sintflut sei längst im Gange, stellt der Münchner Soziologe Stephan Lessenich fest. Die zugezogenen – und weiterhin zuziehenden – Menschen aus den Krisengebieten im Nahen Osten und den Randstaaten der EU seien Vorboten tiefer Krisen. Mehrere Millionen Menschen, überwiegend unausgebildet, arm, ohne Deutschkenntnisse wandern ein in ein ohnehin überlastetes Solidarsystem. Es gibt keine grundlegende Planung einer sozialen Absicherung dieser Menschen. Jetzt beginne die normale Integration, erklärte mir der Sprecher eines Wohlfahrtsverbandes auf meine Frage, wie die Flüchtlinge vor Armut und Ausgliederung geschützt werden könnten

 

Was ist normal an der Normaliät?

 

Ein anderer Experte wies mich auf die Pläne der Bundesregierung hin, nach der Wahl die Sozialgesetzgebung zu verschärfen. Die Zahl der zu versorgenden Flüchtlinge werde dann ein Argument für notwendige Kürzungen sein. Darüber müsste meines Erachtens längst offen gesprochen werden.

 

Stattdessen herrscht die Annahme, die sozialen Probleme, die durch Zuwanderung noch vergrößert werden, ließen sich sozusagen mit Bordmitteln lösen. Das bezweifele ich. Meinem Eindruck zufolge breitet sich eine gesellschaftliche Lähmung aus. Ich nehme einen institutionellen Leerlauf wahr.

 

So tun als ob

 

Keine dieser Zukunftsfragen steht auf der öffentlich diskutierten politischen Agenda. Stattdessen die Themen der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der SPD-Kandidat profiliert sich - beraten von Olaf Scholz, lese ich - mit dessen Konzept "Mehr Polizei, weniger Ausländer". Toll. Welche Wahl hatten die Bürger in den Wahlen dieses Jahres, wenn anschließend jeder mit jedem koalieren kann? Den Betrieb aufrecht zu erhalten, ist anscheinend zum Hauptziel der aufwendig inszenierten Stimmensammlung geworden. Wahlaussage der Grünen in NRW: „Weniger Hass“. Weniger Politik war nie.

 

Die gesellschaftlichen Akteure spielen ihre Rollen und halten aufrecht, was wie Normalbetrieb aussieht. In der ZEIT vom 16. März 2017 berichteten Krankenhausärzte über ihren Arbeitsalltag. Die Ökonomie gewinne, die Moral gerate in Vergessenheit, klagen sie. Längst sei die Gesundheit von Patienten gefährdet. Die Mediziner machen weiter, notgedrungen.

 

Der Laden läuft, so lange man nicht so genau auf das Ergebnis schaut. Ein Beispiel: Krankengymnastik sei wichtig, sagt der Facharzt. Der positive Effekt sei erwiesen. Die Kasse zahlt. Ich ziehe mich um, die Krankengymnastin lässt mich ein paar Schritte gehen, ich führe ein paar Handbewegungen vor. Dann lege ich mich hin, werde behandelt und ziehe mich wieder an. Das Ganze dauert 30 Minuten. Die von den Krankenkassen bezahlten Behandlungszeiten sind inzwischen so kurz, dass von einer sinnvollen Therapie nicht mehr die Rede sein kann, sagen Experten. Und machen weiter.

 

Der Schein trügt. Die Bescheinigung auch.

 

Was bedeutet das für Professionalität? Da ist die Professorin, die offen zugibt, mit Wissenschaft habe ihre Lehre nichts zu tun. Den Studenten gehe es um gute Noten. Bekämen sie die nicht, blieben sie weg. Also gebe sie gute Noten. Da ist der Lehrer, der Prüfungsbögen zum Teil bereits ausgefüllt verteilt, weil er weiß, dass einige in der Klasse mit der Lösung überfordert wären – eine kleine Manipulation zur Verdeckung des großen Fakes. Was ist die Lizenz des Taxifahrers wert, der mich bittet, ihm den Weg zu meinem Ziel zu zeigen?

 

Seit kurzem kümmere ich mich um einen jungen Mann aus Eritrea. Wie es in der Schule war, frage ich den 18-Jährigen. „Super“. Die Lage schön zu reden, hat er jedenfalls schon gelernt. Bis er 15 war, hatte er drei Jahre Unterricht in einer afrikanischen Dorfschule. Jetzt besucht er die Berufsschule in Deutschland. Seine Sprachkenntnisse bewegen sich auf Anfängerniveau A2. Im Politikunterricht waren die Grundrechte Thema. Behalten hat er, dass Männer Männer und Frauen Frauen heiraten dürfen. Immerhin. Den Artikel eins des Grundgesetzes kennt er nicht. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Was versteht er darunter? Der junge Afrikaner versteht kein Wort des Satzes. Trotzdem kann er damit rechnen, seinen Abschluss zu schaffen.

 

Die Lehrer werden ihm die Zukunft nicht verbauen. Oder wollen sie nur ihre Ruhe haben? Wie Unterricht längst nur noch simululiert wird, erlebte ich am eigenen Leib. Vor vier Jahren war ich Berufsschüler. Ein Mitschüler sollte eine „vier“ bekommen, mit der er gut bedient gewesen wäre: „Wollen Sie mich beleidigen?“, regte er sich auf. Dem Lehrer lag nichts ferner. Er gab eine „drei“.

 

Rette sich, wer kann

 

Ich beobachte einen Rückzug aus der professionellen Verantwortung. Ich sehe den Zwiespalt, in dem die Betroffenen stecken. Ich stecke selbst darin.

 

Nach mir die Sintflut. Den eigenen Kopf rettet man womöglich. Alles andere ist eine Frage der Zeit. Spätestens wenn die Studentin oder der Mann aus Eritrea einen Arbeitsplatz brauchen, werden sie feststellen, dass ein Unterlaufen der Normen Grenzen hat. Unternehmen verlangen Leistung. Wer dann die Norm nicht erfüllt, bleibt auf der Strecke. Für die Versäumnisse und Selbsttäuschungen zahlt die Gesellschaft. Irgendwann.