Geschlossene Gesellschaft

Über die Schere zwischen arm und reich

Vor fünfzehn Jahren war ich Gast eines Empfangs. Man stand trinkend und redend auf einer Terrasse oberhalb eines Tals. Unten am Hang machten Bauern Heu. Halbnackt sichelten die Männer Gras. Frauen balancierten die Ernte in flachen Körben auf den Köpfen. Ihre bunten Sahris gaben der Rückständigkeit etwas  Malerisches.

Die internationale Solidarität der Reichen.

Meine indischen Gesprächspartner auf dieser Terrasse im Bundesstaat Tamil Nadu schienen unentwegt unterwegs zu sein, auf Geschäftsreisen nach Dubai, Hongkong und Singapur. Ihre Landsleute unten im Tal waren kein Thema. Später las ich, ein wachsender Teil der Führungskräfte fühle sich nicht mehr mit der indischen Gesellschaft verbunden, sondern definiere sich als Teil einer weltweiten Elite. Zu diesem Jetset des global village zählen sich auch die Eigentümer der Dritt- und Viertwohnsitze in der Hamburger Hafencity. Sollte die Elbphilharmonie tatsächlich fertig werden, kommen sie zum Konzertbesuch in die Stadt und wohnen ihr Loft ab. Vorausgesetzt, Sydney oder Boston haben nicht Attraktiveres zu bieten.

 

Wir standen vor einem Hotelturm im Zentrum von Chennai in glühender Hitze auf einem Bürgersteig aus wackelnden Betonplatten. Dreiradrikschas und Kleinwagen drängelten hupend auf der Fahrbahn, Menschen wuselten umher. An einer Kanalböschung wühlten Heilige Kühe im Müll. Plötzlich schoss ein verspiegelter SUV („Sport Utility Vehicles“, eine Mischung aus Sport- und -Geländewagen) aus der Tiefgarage des klimatisierten Gebäudes und bahnte sich den Weg dauerhupend zur fußläufig erreichbaren Mall. Der schauerliche Zustand der öffentlichen Plätze muss reiche Inder nicht interessieren. Ihnen ist egal, ob Straßen und Brücken intakt sind oder nicht. Zur Not nehmen sie den Hubschrauber.

 

In Hamburg kenne ich gutsituierte Menschen, die sich durch den Berufsverkehr quälen, weil sie sich das multikulturelle Armutsmilieu in der S-Bahn vom Leib halten wollen. Am Steuer ihrer Statusvehikel sitzend, auf der Fahrt vom Vorort in die Tiefgarage des Büros, können sie sich vormachen, alles bleibe beim Alten. Wie Kinder, die glauben, die Welt verschwinde, wenn sie sich die Augen zuhalten.

 

Die Dritte Welt vor der Haustür.

 

Mir geht es auf dem Weg durch Altona in meine Werkstatt wie damals auf der indischen Terrasse, als in einer Szene das soziale Auseinanderklaffen des Subkontinents fassbar wurde. Ich muss keine Fernreise mehr machen, um die Gleichzeitigkeit krasser Armut und ungerührt vorgezeigten Reichtums zu erleben.

 

In der Fußgängerzone im Hamburger Stadtteil Ottensen zähle ich an einem Herbsttag 2014 auf gut hundert Metern neun Bettler. Vor allem Osteuropäer hocken auf dem Pflaster, manche zeigen Verkrüppelungen. Polnische Trinker haben ihr Wohnzimmer an einer Baumumrandung. Ihre Schlafsäcke und Plastiktaschen verstauen sie tagsüber unter den Bänken aus Drahtgeflecht.

 

Nur wenige Meter entfernt zieht sich ein Betrunkener mühsam an der Schaufensterscheibe eines Handyladens hoch. Mit einem Fuß stößt er seine halbleere Schnapspulle um. Seine graue, zerfurchte Haut, die verfilzten Haare, die verdreckte Kleidung zeigen, dass die Straße sein zu Hause ist. Direkt neben ihm hocken zwei junge osteuropäische Bettler. Grinsend kommentieren sie die Anstrengung. Innen hinter der Scheibe, für einen Moment Auge in Auge mit dem verwahrlosten Mann, sitzt ein Kunde, der auf Bedienung wartet. Teilnahmslos betrachtet er den Aufstehversuch.

 

Eine von einem Megafon verzerrte Stimme schallt herüber. Eine junge Frau aus der autonomen Szene fordert „No borders - keine Grenzen“. Ihre Gesinnungsgenossen verteilen Flugblätter: „Während Waren- und Geldströme sich ungehindert um die Welt bewegen, bleiben für Menschen Grenzen unüberwindbar.“  

 

Der Lockruf der Metropolen.

Ein Jahr später kommen zwei Sechzehnjährige in Bremen an. Ihre Verwandtschaft hatte Geld geliehen für Schlepper. Sie schleusten die beiden Jungen von einem Dorf im afghanischen Hochland nach Teheran. In ihrem Dorf gibt es keine Schule, lesen und schreiben können sie nicht. Einer war Handlanger auf Baustellen.

Die Jungen können per Handy Kontakt mit in Europa lebenden Onkel und Tanten aufnehmen. Die leihen noch einmal fast 4.000 Euro für die Überführung von der iranischen Hauptstadt in den ersehnten Westen. Nicht mal mehr 8000 Euro koste der Menschenschmuggel, erzählt mir ein Afghane. Die Preise fallen, höre ich von einem anderen.

Hunderttausende von Menschen erreichten 2015 Deutschland, wenig mehr im Gepäck als ihre Hoffnungen. Diejenigen, die über ihre Integration nachdenken, vertrauen auf die Stärke der deutschen Ökonomie. (Ganz außer Acht lassend, dass deren Stärke auf der Schwäche der anderen beruht. So - könnte man polemisch sagen - hält sich die Willkommenskultur selbst am Leben.) Gefragt, ob die Krankenkassen Konzepte haben, wie die Aufnahme der neuen Mitglieder zu finanzieren wäre, erklärt mir eine führende Kassenvertreterin: „Wir hoffen, dass sie Arbeit finden.“

 

Globalisierung erledigt Sozialsysteme.

 

In Peking sah ich den Männern zu, die als Wanderarbeiter den Roten Platz renovierten. Sie schliefen in Doppelstockbetten unter dem Platz. Ich ahnte nicht, dass es ein Blick in die Zukunft war. Inzwischen hat Deutschland aufgeholt. Schlachter und Bauarbeiter sind die Avantgarde. Oft leben sie in Unterkünften auf wenigen Quadratmetern (für die ihnen der Arbeitgeber horrende Summen vom Lohn abzieht). Mindestlöhne werden ausgehebelt.

 

Schon die Frage nach dem Fortbestehen der solidarisch finanzierten Versicherungssysteme gehört anscheinend ins vergangene Jahrhundert. Damals garantierten starke Nationalstaaten mit gut ausgebildeten Bevölkerungen den Unternehmen eine solide Basis. Gewerkschaften konnten Ansprüche anmelden. Reichtum auf Kosten der Armen in der Dritten Welt. Die würden irgendwann nachziehen, versprachen die Entwicklungsexperten.

Die Entwicklung kehre sich um, schreibt die Soziologin Cornelia Koppetsch, die das Schmelzen der Mittelschicht untersucht. Die internationale Arbeitsteilung sorge dafür, dass die Konzerne die Bedingungen diktieren. Die Staaten konkurrierten um Investitionen, indem sie soziale Standards senken und die Solidarsysteme privatisieren. Die Lebensverhältnisse glichen sich weltweit an, die Reichen würden reicher, die Armen ärmer.

Werden die Familien, die ihren Besitz verkauften, alles auf eine Karte setzend, und die jungen Männer, für die ihre Verwandtschaft Geld sammelte, damit sie im Westen Arbeit, Sicherheit und Wohlstand fänden, nur noch seine Abwicklung erleben?

 

Unüberwindbare Grenze zwischen oben und unten.

Rumänien wirke wie ein Modell für Europas Zukunft, dachte ich bei einer Reise nach Sibiu 2007. Aufwendig restauriert lockte die historische Innenstadt Touristen an. Die Filialen deutscher Konzerne beherrschten die Fußgängerzonen. Der Bauernmarkt bot Obst und Gemüse im Überfluss an. Die Früchte waren jedoch unbezahlbar für die wachsende Zahl der Armen und Alten, die sich ohne nennenswerte Grundsicherung durchschlagen müssen.

Unsere Wirtin freute sich über Gäste aus Deutschland. Sie rief gleich ihren Sohn an. Bei McDonalds in München. Der junge Mann war einer von vielen aus der Region, die der Arbeit hinterherfuhren.

 

Das ist acht Jahre her. Inzwischen haben es Millionen von Menschen nach Europa geschafft. Einer der beiden afghanischen Dörfler, höre ich, lebe inzwischen in einer Jugendwohnung und verdiene sich in einer von Afghanen geführten Textilklitsche was zur staatlichen Stütze hinzu, zum Stundenlohn von 2,50 Euro. Welche Perspektive haben er und die vielen anderen jungen Männer, die Familien, die Alten?

 

"Geschlossene Gesellschaft", verkünden Europas Regierungen und befestigen jetzt die EU-Außengrenze. Die Menschen aus den Kriegs- und Armutsregionen Osteuropas, Asiens und Afrikas müssen draußen bleiben. Die Idee vom ethnisch reinen und autarken Nationalstaat hat europaweit Konjunktur. Während die kleinen Leute hoffen, als Deutsche zu profitieren, wenn Deutschland profitiert, verscherbelt die Regierung öffentliches Eigentum per Freihandelsabkommen an internationale Konzerne. Unsichtbare Grenzen zerteilen den öffentlichen Raum, privatisierte Plätze ("business improvement districts") werden zu no-go-areas für Arme.

 

Überall bilden die weltweit agierenden Oberschichten geschlossene Gesellschaften. Überall mauern sie sich ein. Auch in Deutschland beginnen sie damit. Ihre „gated communities“ sichern sie mit moderner Überwachungstechnik und Zäunen. Es sieht nicht danach aus, als wollte jemand daran rütteln.