Blockade im Kopf

Zum 75. Jahrestag der Blockade von Leningrad.

 Mein Vater war 25 Jahre alt und schon Soldat, als die Deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel. Beim im Mai 1940 folgenden Einmarsch in Frankreich war er dabei. In St. Quentin habe er bei der feuchtfröhlichen Inbesitznahme eines Weinkellers mit anderen Landsern bis zu den Knien im Rotwein gestanden, erzählte er.

 

Als Kinder spielten wir in Bunkeranlagen. Noch in den siebziger Jahren klaffte in der Mülheimer Innenstadt eine riesige Brache. Sie erinnerte an die Bombardements der Alliierten. Erst 1974 verschwand die Wunde, die der Stadt geschlagen worden war. Die Erwachsenen erzählten von ihrer Angst im Bunker.

 

In den 60er Jahren stellten wir Kerzen ins Fenster: "Dreigeteilt, niemals" stand auf den Kerzenständern aus Plastik. Sie wurden - wenn ich mich recht entsinne - in der Schule verkauft. Die Deutschen wollten die verlorenen Ostgebiete wiederhaben. 

 

Die nationalsozialistische Propaganda hatte die Bomberstaffeln der Luftwaffe dafür gefeiert, dass sie Städte in Schutt und Asche legten. "Coventrieren" nannten sie die Zerstörung aus der Luft. Meine Mutter, die gern im BDM, dem Bund Deutscher Mädel, war, wollte das Wort nie gehört haben. Im Sommer 2016 hörte ich im Potsdamer Filmmuseum zum ersten Mal das "Stuka-Lied". Plötzlich empfand ich die gespenstische siegesgewisse Kampfstimmung, die damals herrschte.

 

Vom Bombardement auf Rotterdam erfuhr ich erst, als ich zu Dreharbeiten dorthin fuhr. 2001 muss das gewesen sein. Die Stadt ist gesichtslos. Die Belagerung von Leningrad war weder in der Schule noch später Thema und von der Vernichtung durch Verhungern lassen, der 3,4 Millionen sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer fielen, las ich erst in den achtziger Jahren. Dieses Verbrechen ist ebenso wenig im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert wie das massenhafte Sterben der Bewohner von Leningrad.

 

Wenn mein Vater vom Russlandfeldzug erzählte, dann von erfrorenen Kameraden und Dörfern, in denen nur noch die gemauerten Kamine an die verbrannten Holzhäuser erinnerten.

 

75 Jahre danach erklärte die deutsche Kanzlerin, mit der deutschen Militärmaschinerie sei wieder zu rechnen: Wenn es gegen die Russen gehe. Als wollte sie Roger Willemsens Verdikt über die deutsche Gedenkkultur bestätigen: Erinnern um zu vergessen.

 

Rotterdam, hörte ich kürzlich, sei schöner gewesen als Amsterdam. Wer weiß das schon in Deutschland. 

 

9. 9. 2016