Gespräche über Kaffeemaschinen

Unmögliches möglich machen. Wie real ist das denn? Alt-Kanzler Helmut Schmidt – bezeichnender Weise ein Idol der Deutschen – verwies Menschen mit Visionen zum Arzt. Die gegenwärtigen Krisen werden offensichtlich von gesunden Realisten verwaltet. Sie geben die Verantwortung für die Flüchtlingspolitik an den neoliberalen Think Tank McKinsey ab und mahnen für künftige Kriege zur Vorratshaltung. Je dringlicher neues Denken wäre, desto stoischer bleibt die Politik auf Kurs.

Noch nie waren private Gespräche so politikfrei. Wer möchte schon als Kassandra da stehen? Lieber Gespräche über Fernreisen oder die neue Kaffeemaschine. Zumindest sind das Themen in bürgerlichen Zirkeln. Eine befreundete Rentnerin mit Grundsicherung berichtet über Nachbarn und Bekannte, die sich bewaffnen. Nicht nur mit Pfefferspray.

Fast eine Millionen Menschen – unabhängig von ihrem Bildungsgrad im Heimatland fast alle mittellose Analphabeten – suchen eine Perspektive. 54 von ihnen haben Arbeit bei den 30 DAX-Unternehmen gefunden, steht im stern. Die ersten vielköpfigen Familien landen in Obdachlosenunterkünften, möbliert nur mit Betten und ohne Warmwasser, berichtet ein diakonischer Experte. Ein afghanischer Arbeiter verschuldet sich, um Schlepper bezahlen zu können, die Verwandte ins gelobte Land holen. Er ist nicht der Einzige. Innerhalb der letzten zehn Jahre verfünffachte sich die Zahl der Afghanen in Hamburg auf 100.000 Menschen.

Gott kenne keine Obergrenzen. Die sich darüber freuten, sind leise geworden.

Wohnungen werden zwar gebaut, aber „nur für Reiche“, formuliert die Süddeutsche Zeitung. Keiner thematisiert öffentlich die Notwendigkeit eines neuen Solidarsystems. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen die Kosten für die Versorgung der Neuen tragen. So schafft man sie ab.

Genüsslich angeekelt schreibt die Qualitätspresse Donald Trump hoch, auf dessen Wahl wir keinerlei Einfluss haben: Die großen Medien ticken neoliberal. Bald werden AfDler in Parlamenten und Rundfunkräten die Diskussion auf rechts drehen. Steuererleichterungen, christliches Abendland, Deutsche zuerst. Die einheimischen Mittellosen sind längst der Verachtung preisgegeben – bildungsfern, selbst schuld.

Wenn es stimmt, was die Harburger Professorin Gabriele Winker sagt, wenn also der Sozialstaat nicht das Wohl der benachteiligten Bürger im Auge hat, sondern die funktionierende Reproduktion der Arbeitskraft, erleben wir gerade eine dramatische Kipplage. Der im letzten Oktober öffentlich gewordene Vorschlag des Innenministers – eines bekennenden Christen – Flüchtlinge nicht mehr zu versorgen, sondern mit einem Butterbrot nach Hause zu schicken, kündigte den Tabubruch an.

Ach, was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viel Unrecht einschließt, klagte Bertold Brecht vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Abitur interpretierte ich sein Gedicht als Nachgeborener. Jetzt lese ich es wie ein Zeitgenosse.

Ist da irgendeine Chance auf Besserung? 1968 in Paris riefen Arbeiter und Studenten: Seid Realisten, verlangt das Unmögliche. Träumt weiter.

 

moes@hamburg.de

 

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg