Schafe im Schafspelz

Wer nicht hören will, muss fühlen. Der Lehrer in der Häschenschule ist ein Pädagoge alten Schlages. Jahrzehnte lang drohte er seinen Schülern mit der Rute, die er hinter dem Rücken hielt. In neueren Ausgaben des beliebten Bilderbuchs sind seine Hände leer. Die Häschen können in Frieden lernen, verspricht die politisch korrekte Retusche.

 

Gibt es zurückgebliebene Kinder? Als ich den Begriff in einem Text verwandte, wusste ich: das geht nicht durch. Wohl werden die Kleinen regelmäßig untersucht, um eine normale Entwicklung sicherzustellen. Entwickeln sich Kinder nicht normal, werden sie gefördert. Es gibt also Normen. Nur das Sprechen darüber fällt schwer.

Während die Kanzlerin der türkischen Regierung Geld überweist, damit sie die Grenze dicht mache und die Nazis aus der Mitte der Gesellschaft den Schießbefehl auf Flüchtlinge empfehlen, erdenken die Träger der Willkommenskultur neue Bezeichnungen für die Menschen, die zu uns kommen. Bis vor wenigen Wochen störte der Begriff „Flüchtling“ niemanden. Nun geht die Endsilbe „ling“ gar nicht. Sie sei nicht nur männlich, sondern auch negativ belegt, heißt es. Der Flüchtling sei kein Feigling und kein Schwächling. Als Hänfling würde er die Strapazen der Flucht nicht aushalten. Deshalb wird der Flüchtling ein Geflohener, ein Geflüchteter oder – auf der Linken – ein Refugee. Als solcher ist er welcome. Nicht aber bei der Regierung, die ein „Asylpaket“ nach dem anderen mit Abschreckungsmaßnahmen packt. Für sie sind zu viele Flüchtlinge Schädlinge.

 

Die Realität lässt sich nur schwer ändern, aber leicht schön reden. Das gelte auch für Konflikte, die durch Einwanderung entstehen, schreibt der niederländische Soziologe Paul Scheffer. „Verarmung bezeichnen wir kurzerhand als Bereicherung, Halbsprachigkeit geht als Zweisprachigkeit durch, und der Engstirnigkeit muss man wohlwollend begegnen. Doch die wachsweichen Worte machen die Wirklichkeit nicht geschmeidiger.“

 

Bei der Aufnahme von Flüchtlingen handelt es sich im Grunde um eine humane Selbstverständlichkeit, eine so genannte Konsensfiktion. Wer es wagt, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen, macht sich moralisch angreifbar. Sie oder er gerät in den Verdacht, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu sein. Politisch korrekte Sprache wird zum Gesinnungstest. Wer jetzt noch Flüchtling sagt, läuft Gefahr, als ein Hetzerin und verbaler Abschieber dazustehen.*

 

Einem ähnlichen Muster folgt die Diskussion um Inklusion. Bürokratische Gleichmacherei fragt nicht, ob und wo das Sonderschulsystem - bleiben wir mal bei dem "diskriminerenden" Begrff  - seine Berechtigung haben könnte. Den Bürokraten geht es um formelle Gleichheit, den Abbau von semantischen Barrieren. Inklusion - die Förderung der Schwachen in normalen Schulen – erforderte einen hohen Einsatz, nicht nur finanziell. Sie wird aber formal durchgeführt, ohne die Mittel ausreichend zu erhöhen. So berichten es mir Praktikerinnen. Die ohnehin ausgebluteten Schulen müssen auch diese Last tragen.

 

Ein hoher moralischer Ton verhindert eine gesellschaftliche Debatte über die Anstrengungen, die nötig wären, damit am Ende kein Ausverkauf sozialer Errungenschaften steht. Sonderpädagogen und Eltern behinderter Kinder (heißt das so?) nennen mir durchaus Vorteile einer besonderen Förderung. Es ist nicht zu hoch gegriffen zu sagen: In vermeintlich guter Absicht werden Behinderte und Flüchtlinge benutzt, um soziale Standards zu senken. Sie sind leider auch die ersten, die es ausbaden müssen.

 

Der von vielen verehrte Altkanzler Helmut Schmidt liebte klare Worte (wenn es nicht gerade um seine Zeit in der Wehrmacht ging). Schaf im Schafspelz nannte er den SPD-Friedenspolitiker Erhard Eppler. Politisch korrekt war das nicht.

 

Die heutigen Schafe im Schafspelz sollten in der Häschenschule nachsehen. Auf einer der Zeichnungen reißt der Lehrer einem Schüler fast das Ohr ab. Um diese gewalttätige Szene zu eliminieren, hätte man das Buch neu schreiben, also grundsätzlich etwas ändern müssen. Wer will das schon?

 

Geschrieben am 17. Februar 2016

 

* Bis Anfang der 90er Jahre bezeichnete "Asylant" einen Menschen, der Asyl suchte. Dem "Asylbetrug" begegnete der Staat, indem er  das Asylrecht filetierte. Die Wohlmeinenden legten Wert darauf, von "Asylsuchenden" zu sprechen. "Asylant" bezeichnet seitdem einen Betrüger.

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Foto: Tara Wolff, Hamburg