Schrupphobel. Altonaer Tagebuch

 

13. Mai 2016     Dümmer als die Mopo. "Wir haben nichts gegen Drogen. Wir sind gegen Rassismus" verkündet ein Transparent an den  Hafenstraßenhäusern. Und wehrt sich gegen "rassistische Personenkontrollen".

 

Die von Hermann L. Gremliza als „dümmste Zeitung der Welt“ geschmähte MOPO brachte kürzlich ein Interview mit einem afrikanischen Dealer, der seine Not als Laufbursche der Drogenkartelle schilderte. Die Drogenbosse nutzen die Rechtlosigkeit der Afrikaner aus. Die jungen Männer lungern in St. Pauli herum, wegen ihrer Hautfarbe deutlich erkennbar. Ein Fakt, den sich die Polizei zunutze macht, wenn sie ab und an pro forma gegen die Schwächsten der Mafia vorgeht. Die Hautfarbe wahrzunehmen gehört sich aber nicht.

 

Die Schicksale der Dealer sind diesen Linken schnuppe. Diejenigen, die das Treiben der Drogenmafia auf offener Straße kritisch sehen, sollten mit dem Rassismus in den eigenen Köpfen beschäftigen, empfahl das Bewohnerplenum der Hafenstraßenhäuser. Wie es scheint, voll stoned.

 

10. Mai 2016     Journalistische Haltung. Kürzlich präsentierte ich ein PR-Konzept und erntete Kritik. Öffentlichkeitsarbeit spreche keine Probleme an. Ich antwortete, die Frage sei nicht, ob PR über Fehler und Probleme spricht, sondern wie sie es tue. Am Ende siege das Positive. „PR geht gut aus. Das unterscheidet sie vom Journalismus.“

Heute bot ich einem Redakteur ein Thema über Flüchtlinge an. Ich wollte auch über Schwarzarbeit berichten. „Die Jobcenter zwingen die Leute in die Schwarzarbeit, weil sie nicht arbeiten dürfen“, fiel mir der Redakteur ins Wort. Das könne sein, antwortete ich. Ich hätte noch nicht zu Ende recherchiert. Mir gehe es darum, Hintergründe zu verstehen und zu vermitteln. Grundsätzlich sei er interessiert, erklärte der Zeitungsmann schließlich und sagte: „Denken Sie daran, bei uns gehen die Geschichten gut aus.“

 

9. Mai 2016     So dumm kommen wir nicht mehr zusammen. "Sechzig ist das neue vierzig", las ich kürzlich am Frankfurter Flughafen. Und in Altona plakatiert die Körber-Stiftung: "Wir werden immer älter und haben immer mehr Zeit." Schön zu wissen. Ich habe immer weniger Zeit. Um mich herum schaffen es Menschen gar nicht mehr bis zum sechzigsten Lebensjahr. "Fünfzig ist ein großes Haus. Viele gehen hinein, wenige hinaus", zitierte meine Mutter oft. Das scheint noch zu stimmen, in bestimmten Kreisen. Die Spaltung der Gesellschaft drückt sich auch in der Verteilung von Lebenszeit aus. Die armen Leut, schrieb Georg Büchner, müssten noch donnern helfen, wenn sie im Himmel sind. Der Vielarbeiter starb mit 23 Jahren.

 

9. Mai 2016    Business as usual. "Muslim wird Londoner Bürgermeister", meldeten die selbst ernannten Qualitätsmedien. Die SZ vergaß nicht den Hinweis, Sadiq Khan lege keinen Wert darauf, Muslim genannt zu werden. Das Blatt ignorierte ihn aber geflissentlich. Entweder der Politiker ist nicht gläubig oder er betrachtet seinen Glauben als Privatsache. Wie weit es seine Politik beeinflusst, dass er der Sohn eines Busfahrers ist, der mit sieben Geschwistern äußerst einfach aufwuchs, kann ich nicht beurteilen. Das wäre eine Nachricht gewesen: Kind armer Eltern wird Londoner Bürgermeister. Vielleicht ist er Vegetarier, Kricketfan oder Langläufer: Zweifacher Vater regiert London. So geht Qualitätsjournalismus.

 

4. Mai 2016     Standbein, Spielbein. Oder: Zivilkluft aus, Hoodie an - ein Märchen. Die autonomen Krawallmacher scheinen wichtig zu sein. Jedenfalls nimmt die Polizei die paar hundert mehr oder weniger maskierten jungen Leute vor dem Altonaer Bahnhof ernst. Was sie inzwischen auffährt, ist beachtlich und lässt auf die Vorbereitung größerer Kämpfe schließen. So sieht es aus, wenn Kanonen auf Spatzen schießen.

 

Das Anliegen der Männer, Frauen und Trans*personen erklärte ein nicht mehr ganz junger Streetfighter, Emilio Schwarz (32), in der taz: „Unsere Perspektive ist die einer direkten Solidarität mit Geflüchteten, für offene Grenzen, für freies Fluten“. Politik sei „kein identitäres Projekt, das an der eigenen Kapuze aufhört“ Ob er mit Klarnamen auch so geschwollen daherredet? 

 

Diejenigen, die gern einen festen Platz in ihrer Gesellschaft gehabt hätten, wenn sie die Kräfte des Kapitals (um es geschwollen, aber unmaskiert zu sagen) nicht zum „freien Fluten“ verurteilten, schauten der Demo zu. Überwiegend junge Männer. Was werden sie tun, wenn sie merken, dass auch hier der ersehnte Wohlstand unerreichbar bleibt? Gleich, was: Die Polizei wäre vorbereitet. Wird Emilio Schwarz dann sein Büro verlassen und sich einreihen?

 

 

 

4. Mai 2016

 

Historische Vergleiche. Sinnlos oder erhellend? Ist dieser Titel ein Beispiel für Stürmerstil? Manche behaupten das.

 

 

 

 

 

 

 

Eine Putztruppe im Stil der SA?

Der Schwarze Block beim Mai-Protestritual in Hamburg.

 

Welchen emanzipativen Gehalt hat die Gewalt auf der Straße? Entscheidet sich die Machtfrage im Kampf mit der Polizei? Ist es links, die Gefährdung von Menschen einzukalkulieren? Warum tragen Linke diese Macho-Aktionen mit? UAwg

 

 


3. Mai 2016     Man kann es gar nicht oft genug sagen. Tagebuch, 11. 10. 2014: Was auf uns zukommt, lässt der Ausverkauf demokratischer Rechte durch das Freihandelsabkommen ahnen, den unsere Politiker gerade vorbereiten – auf EU-Ebene und in den USA legitimiert durch gerade mal die Hälfte der Wähler. Womit wir wieder bei Orwell sind: Was soll ich von einer Politik halten, die in aller Öffentlichkeit Geheimverhandlungen führt, an deren Ende eine Geheimjustiz durchgesetzt werden soll, die darüber wacht, dass Gesetze nicht gegen Investoreninteressen verstoßen? Und warum soll ich Medien vertrauen, die mir weismachen wollen, hinter diesem Abkommen steckten die bösen USA, die uns ihre Chlorhühnchen verkaufen wollen?

 

2. Mai 2016      Multikulti ist gescheitert? Schön wär’s. Selten habe ich jemanden so über seine türkischen Nachbarn schimpfen hören. Auf der Veddel, dem ehemaligen Hamburger Hafenarbeiterviertel wohnten damals, vor circa 15 Jahren, vor allem Einwanderer. Wie in Anatolien verhielten sich die meisten Familien, schäumte ein Ladenbesitzer. Er war schon in den sechziger Jahren nach Deutschland gekommen, ein Schlosser aus Izmir. „Ich wollte bleiben, also lernte ich die Sprache, befreundete mich mit deutschen Kollegen auf der Werft, später eröffnete ich meinen Laden“, erzählte er. Seine Nachbarn kauften nicht bei ihm, weil er auch Alkohol im Angebot hatte. „Beim SPAR kaufen sie. Da steht meterweise Alkohol im Regal.. Aber für sie bin ich Muslim, weil mein Vater Muslim ist. Da ist Alkohol tabu. Scheinheilige Bande.“

 

Der Kollege, mit dem ich auf der Veddel recherchierte, ist Türke. Er kannte solche Zuschreibungen. Einmal war ich dabei, als er in der NDR-Kantine seine Karbonade aß. „Darfst Du Schwein essen, Du bist doch Muslim?“, fragten ihn Kollegen. Die Journalisten kamen nicht auf die Idee, ein Muslim könne sich selbst entscheiden. Angela Merkel, die Multikulti für gescheitert hält, irrt: Das Denken in Kulturschablonen hat Konjunktur wie nie.

 

1. Mai 2016        Wenn Böhmermann Erdogan das Förmchen klaut. 1919, also vor fast 100 Jahren, schrieb Kurt Tucholsky, Satire dürfe alles. Seitdem gilt seine Ansicht als Rechtfertigung, Beleidigungen zu veröffentlichen, seien es die unsäglichen Mohammed-Karikaturen oder Böhmermanns kalkulierte Provokation. Nicht, dass Erdogan und die Islamisten Recht hätten. Mein Problem ist, dass mich diese Satiriker nötigen, ihren Schund zu verteidigen, weil ich es für richtig halte, die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Wie schön wäre es, sich für intelligente Satire stark machen zu können. Satire darf längst ncht alles. Auf keinen Fall darf sie dumm sein.

 

Ähnliches schrieb übrigens auch Finis in der ZEIT vom 21. April, die ich heute erst lese: "Wenn man also um den Dreck, den man jemanden ins Gesicht schmeißt (im Sandkasten), eine Klammer baut und davor ein Minus setzt, dann hebt sich das irgendwie auf, dann wird aus dem Dreck Gold. (...) Der Gedanke, die Meinungsfreiheit sei gerade dann besonders geschützt, wenn der Inhalt der geäußerten Meinung besonders gaga ist, wäre uns damals völlig absurd vorgekommen." Schluss damit.

 

30. April 2016             Vorwärts nimmer, rückwärts immer. Sollten Frauen Muslimen die Hand schütteln? Mir fällt dazu nur ein entschiedenes Vielleicht ein. Und der Gedanke, dass wir es wieder vermehrt mit Fragen zu tun bekommen, die wir für erledigt hielten (Dürfen Männer herumrotzen, wo sie gehen und stehen?) oder uns zum Glück nicht stellen mussten. Das 21. Jahrhundert hat gerade erst begonnen...

Die Bundeswehr fährt nach Litauen, „Russen abschrecken“, schreibt die SZ. Mein Vater, der beim letzten Überfall auf Russland dabei war, hätte jetzt gewarnt. Aber wer würde auf ihn hören? Wir haben andere Probleme. Siehe oben und z. B. die Abschaffung der Plastiktragetasche. Vor 40 Jahren hätte ich sie für eine gute Sache gehalten.

 

 

moes@hamburg.de

 

Nehmen Sie Platz. Es sitzt sich nirgends bequemer als zwischen allen Stühlen.

Foto: Tara Wolff, Hamburg